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Illusion

Das Frankfurter Liebieghaus ist eines der wenigen Museen in Deutschland, das ausschließlich der Plastik gewidmet ist. Entsprechend vielfältig sind seine Aufgaben: Als Vorzeigeinstitut für das Prinzip Konzentration ist man umfassend eingebunden in alles Mögliche. Die Schau, die dort gerade eröffnet worden ist, spricht dafür Bände. Sie heißt „Die große Illusion“, gibt sich als dem „Verismus“ verschrieben, redet von „Realismus“, und tut so, als ließe sich das alles unter einen Hut bringen. Das Liebieghaus bezieht Position in einer Debatte, die auch schon wieder zwei Jahrhunderte alt ist und als „Polychromiestreit“ Kunstgeschichte geschrieben hat. Dass die Alten ihre Skultpuren bemalten, steht in der Zwischenzeit außer Frage. In Frankfurt hat man schon des Öfteren vorgeführt, wie das dann aussieht, wenn die Körper materialfarben weiß wie Marmor oder braun wie Bronze, die Augen aber blau, die Haare dunkel, die Schmuckstücke bunt und die Kleider farbig daherkommen. Es sieht sehr künstlich aus. Womöglich ist die Wirkung der Figuren gesteigert, sicherlich aber nicht ihre Lebensnähe. Diese Figuren verkörpern das Gegenteil von Realismus, nämlich Stilisierung. Kopf eines jungen Afrikaners, Römisch, 2. Jahrhundert n. Chr. (?), Museo Nazionale Romano, Rom, Foto: Su concessione del MiBACT - SSBARM – Archivio Fotografico Das Liebieghaus ist ausgewiesen in Fragen der Restaurierung. Gerade hat man den Blaubeurener Altar untersucht, ein Hauptwerk der spätgotischen Bildnerei, erhalten wie kaum einer aus der Zeit um 1500. Auch hier hat man sich speziell der Bemalung angenommen, hat die einzelnen Schichten von Vergoldung, Fassung, Grundierung freigelegt, und stellt nun anhand einer originalen Gruppe zur Schau, wie grell das seinerzeit war und wie gediegen nachgedunkelt es heute ist. Gewohnheitsmäßig glaubt man den etwas soignierteren Darbietungen mehr. Auch hier lebt die Illusion weniger von der Farbe als vom Helldunkel. Das Liebieghaus kann mit seiner Reputation arbeiten. Entsprechend werden ihm Leihgaben übereignet, denen man die Fragilität von weitem schon ansieht. So hat das Ägyptische Museum Berlin die „Mumienmaske einer vornehmen Frau“ bereitgestellt, eine Kostbarkeit aus der Zeitenwende mit Glasaugen und einer Art Echthaar aus Leinen. Aus Bologna kommen lebensgroße Wachsmodelle des Barock, Brügge hat die berühmte Terrakotta-Büste des jugendlichen Kaisers Karl V. vorbeigeschickt, und aus klösterlichem Zusammenhang gibt es gar ein Jesulein mit roten Bäckchen und vielerlei Spitzen, Pailletten, Perlen am allerliebsten heiligen Gewand. Jesuskind aus dem Ursulinenkloster St. Joseph in Landshut Süddeutschland, 16./18. Jh., Ursulinenkloster St. Joseph, Landshut, Foto: Thomas Dashuber, © Diözesanmuseum Freising Für die erweiterte Gegenwart stehen die obligatorischen John de Andrea und Duane Hanson. Für die unmittelbare Gegenwart stehen die nicht weniger obligatorischen Ron Mueck sowie Diverses von der BritArt Inspiriertes wie eine provokativ die Hinfälligkeit zelebrierende Pietà des Australiers Sam Jinks. John de Andrea, Ariel II, Denver, 2011, Foto: Liebieghaus Skulpturensammlung, © Courtesy, Louis K. Meisel Gallery All das steht unvermittelt nebeneinander, eingepasst auch in die ständige Sammlung und ergibt ein gehöriges Durcheinander. Abgüsse schaffen keine Illusion, denn sie sind der Körper, den sie zeigen, selber. Echte Haare erzeugen ebensowenig Illusion, auch sie sind das, was sie vorstellen, ganz buchstäblich. Das meiste, was zu sehen ist, wirkt entsprechend stark forciert, es ist nicht die Beiläufigkeit des Lebens, wie es sich nun einmal ergibt, wenn man es abbildet, sondern es ist betonte Präsenz, aufdringlich, überdeutlich, manifesthaft. Das Wort für diese Ausstellung ist ein einschlägiges: Sie ist theatralisch. Darin ist sie durch und durch zeitgenössisch, postmodern, auch wenn sie weit zurückgreift bis in die Antike. Systematisch gesehen hat die Ausstellung versagt. Phänomenal gesehen ist sie phänomenal. www.liebieghaus.de

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