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Format Postkarte - Illustrierte Korrespondenzen, 1900 bis 1936: Nicht nur eine Frage der Ansicht

Sie wecken Erinnerungen an Sommerfrische, an ausgedehnte Reisen in ferne Länder, an romantische Botschaften und kurze Grüße, sie sind Sammelobjekt wie Werbemittel. Als Medium der Kommunikation sind Postkarten längst veraltet, wer verschickt heute noch papierene Grüße samt Ansicht des jeweiligen Terrains? Schade eigentlich, denn was kann man nicht alles lernen von illustrierten Korrespondenzen. Das Wiener Photoinstitut Bonartes widmet sich nun eine einer seiner feinen Ausstellungen dem „Format Postkarte“ der Jahre 1900 bis 1936, dem Zeitraum in der jene postalischen Sendungen ihre meiste Verbreitung erfahren haben. 1869 erfunden, erlebten die bald auf einer Seite mit einer Fotografie versehenen Ansichtskarten um 1900 einen Höhepunkt. Die Post wurde manchenorts mehrmals am Tag ausgetragen, sodass sie für kurze wie kurzfristige Mitteilungen in den Jahren bevor das Telefon in Privathaushalten ausgebaut wurde, die schnellste wie kostengünstigste Variante der Informationsvermittlung darstellten. Hinzu kam, dass diese Fotopostkarten – gelaufen oder ungelaufen – also beschriftet, mit Wertzeichen versehen und versandt oder auf der Rückseite blank, zum beliebten Sammelgebiet wurden. Alleine die Tatsache, dass es in Deutschland 1897 bereits 60 Firmen gab, die sich auf die Herstellung von entsprechenden Sammelalben spezialisiert hatten, mag hier als Beleg dienen. Ein verbreitetes Sammelgebiet sind illustrierte Postkarten heute noch, ihr Informationsgehalt für akademische Fachbereiche spielte bislang eine eher geringfügige Rolle, ganz zu Unrecht möchte man meinen. Nun sind die Räumlichkeiten des Photoinstitutes eher begrenzt, doch gelingt es in 10 Abschnitten, didaktisch wie medial klug inszeniert, einen höchst kurzweiligen Einblick zu geben, welche Erkenntnisse sich aus den diversen Kollektionen erlangen lassen. Gerührt verfolgt man die Jahre währende postalische Annäherung von Franz L. an Helene M., deren Tonfall immer trauter wird, bis die beiden schließlich ein Ehepaar werden. Erstaunt blickt man auf die animierte Visualisierung der Korrespondenz der Familie Schaukal, wie im Mai 1901 beispielsweise alleine 59 Postkarten zwischen den verschiedenen Wohnsitzen ausgetauscht wurden. Es entstanden ganze Serien, für die man heute den Begriff „Street Photography“ anwenden würde und Schausteller nutzten Postkarten schlicht als Setcards, um auf ihre Programme aufmerksam zu machen. Dass das Edieren von Ansichtskarten mitnichten eine lokale Angelegenheit war, zeigt eine Wand, auf der 412 Firmen und Personen genannt werden, die Postkarten mit steirischen Motiven herausgegeben haben, allein 58 davon sind in der Steiermark zu finden. Am erstaunlichsten muten jene 81 Ansichten der Prater Hauptallee an, die zwischen 1908 und 1943 in den verschiedensten Techniken von den unterschiedlichen Herstellern vertrieben wurden und wohl alle auf das gleiche Negativ zurückgehen. Das Personal wechselt, mal bewegt sich ein Pferdefuhrwerk auf der Straße, ein andermal ein Automobil, die Wolkenkonstellationen ändern sich, bisweilen ziehen Farbverläufe von absurdem Couleur über den Himmel, einzig das Riesenrad und die Stadtbahnüberführung bleiben gleich. Was wir daraus lernen? Traue niemals einer Ansichtskarte und sei sie noch so alt. -- Von 12. März – 15. Juni ist die Ausstellung im GrazMuseum zu sehen. Publikationen zur Ausstellung Eva Tropper/Timm Starl (Hg.): Format Postkarte. Illustrierte Korrespondenzen, 1900 bis 1936, mit Beiträgen von Monika Faber, Michael Ponstingl, Timm Starl und Eva Tropper, Wien: new academic press, 2014 (= Beiträge zur Geschichte der Fotografie in Österreich, Bd. 9), 148 Seiten sowie ein beigelegtes Plakat und eine Postkarte im Kuvert Timm Starl/Eva Tropper: Identifizieren und Datieren von illustrierten Postkarten, mit einem Beitrag von Herbert Nessler, hg. vom Photoinstitut Bonartes, Wien: new academic press, 2014, 204 Seiten
Format Postkarte - Illustrierte Korrespondenzen, 1900 bis 1936
22.10.2014 - 13.02.2015

Photoinstitut Bonartes
1010 Wien, Seilerstätte 22
Tel: +43 1 2360293
Email: info@bonartes.org
http://www.bonartes.org/
Öffnungszeiten: Gegen Voranmeldung


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