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Die wilden Jahre des Lesens

Als die Kulinarik noch mit der Schreibmaschine verfasst wurde, backte ein Kochbuchverlag auf der Frankfurter Buchmesse Crepes. Süße Schwaden zogen durch die Halle und landeten am Stand von Suhrkamp, der die Meinungsführerschaft seinerzeit ganz unverdrossen verkörperte. Der Allmächtige Siegfried Unseld unterhielt sich gerade mit Alfred Schmidt, Schüler von Horkheimer/Adorno, Nachfolger von Habermas, doch der schien nicht ganz bei der Sache. Das Oberhaupt der aktuellen Frankfurter Schule nutzte, wenn Unseld kurz einen Gast begrüßte, jede Gelegenheit, „um behende zu entweichen und sich mit frischen Crepes zu versorgen“. Offensichtlich hatte ein gewisser „Vulgärmaterialismus“ Einzug gehalten, und demjenigen, der diese nicht unbedingt umwerfende Geschichte kolportiert, scheint er symptomatisch. Ulrich Raulff, der sich damals noch mit einem F schrieb und heute Direktor des Marbacher Literaturarchivs ist, hat ein Kapitel seiner intellektuellen Autobiografie herausgebracht. Sie erzählt vom „Wiedersehen mit den Siebzigern“ und ihren „wilden Jahren des Lesens“, die sich damals auf exzessive Weise ergaben. Die „Suhrkamp-Kultur“, wie George Steiner es nannte und wie sie die Nach-68er Orthodoxie prägte, unterlag, Unselds Crepes-Kalamitäten stehen dafür, ersten Verfallserscheinungen. Es gestaltete sich peu-à-peu fadenscheinig, dass „eine historisch vielfach widerlegte Doktrin des 19. Jahrhunderts … für ein langes Jahrzehnt zur vorherrschenden Denkschule der westlichen Welt werden konnte.“ Die neuen Lektüren hörten weg von den Marx- und Engelszungen und lauschten hinüber nach Westen, wo es von Diskurs, Sex und Simulation raunte. Es gehört zur speziellen Struktur der damaligen Hegemonien, dass Suhrkamp bald die Frankolatrie beherrschte und mit den neuen Heroen, die durchaus Unverständliches zu Protokoll gaben, handelseinig wurde. Raulff selber hatte sich in Paris eingenistet, machte Foucault den Famulus und trug mit Übersetzungen zu dessen Konjunktur bei. Es faszinierte ihn jene andere Form von Intellektualität, die kein Problem damit hatte, am Morgen ins Archiv, am Mittag mit dem Megaphon auf die Straße und abends in den Elysée zum Diner zu gehen: „Noch nie war mir das klassische Athen so nah gewesen“. Lang ist es her, und mit der gewissen Melancholie des an Barthes Geschulten erinnert sich Raulff an die Markierungen, die seine Lektüren bei ihm hinterließen. Unsereiner, ein Jahrzehnt später dran, hat auch von seiner Pionierarbeit profitiert. Als Sloterdjik noch mit Bhagwan-Kostüm auf der Leopoldstraße saß, gingen wir in die Akademie und versuchten Baudrillard zu folgen. Und auch wir waren, um eine der schönsten Formulierungen Raulffs zu nehmen, dabei „nicht überfordert, sondern überwältigt“. Schließlich bauten wir genauso, angefüllt mit Ambition und Inspiration, alle unsere „individuellen Bibliotheken auf, in denen immer die selben Titel standen“. Zu diesem Jahr der Frankfurter Buchmesse hat Raulff jedenfalls den Baedeker geschrieben. Wir wohnen mit ihm „möbliert im Reich der Ideen“. Ulrich Raulff, Wiedersehen mit den Siebzigern. Die wilden Jahre des Lesens, Stuttgart: Klett-Cotta 2014

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