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Millionen

Drei der nervigsten Tendenzen unseres Zeitalters kommen bei der sogenannten Ice Bucket Challenge zusammen. Zum einen das Prinzip des Kettenbriefs: Das Glück, einen Eiskübel über seinem Kopf entleert zu bekommen, wird weitergereicht, quasi als Freundschaftsdienst, und wehe man wagt es, auf diese spezielle Promesse de Bonheur zu verzichten. Zum zweiten das Prinzip Dschungelcamp: Die Herausforderung anzunehmen, heißt das Gebot, und ob es gefrorenes Wasser ist oder nicht doch lieber ein Insekt, mit dem man den Körperkontakt herbeisehnt, wird dann ein wenig nebensächlich. Drittens das Prinzip Charity: Tu Gutes, und vor allem rede darüber, zeige dich, denn ohne dein Zutun wird die Welt niemals gerettet. Der Beitrag ist der Betrag: Das Geld kommt ALS-Betroffenen zugute, und allein in Deutschland ist das durchaus namhaft; 1,5 Millionen Euro können sich nicht irren. Millionen. An diesem Wochenende gab es im Feuilleton der „Süddeutschen Zeitung“ einen Doppelseiter zum Thema Museums-Boom. Längst sei der Ausstellungsbesuch ein „Massenvergnügen“, wurde festgestellt und anhand einiger Beispiele vorgeführt, was das für die Häuser bedeutet: Nichts anderes, als dass man sich ins Zeug legen muss. Das Frankfurter Städel wurde ein wenig gerügt, weil man nach der „Jahrhundertausstellung“ zu Dürer, die in Nürnberg 2012 zu sehen war, „im Jahr darauf mit einer nicht ganz so wegweisenden Dürer-Schau nachzog“. Kritik also am Blockbuster-System? Aber nein. 300.000 Besucher, so listet die SZ auf, kämen pro Jahr in die Alte Pinakothek: „Es wären deutlich mehr, würde die Stadt mit ihren Kunstschätzen so viel protzen wie mit dem Oktoberfest“. Ist es nicht vielleicht ein Segen, dass München sich im Museumsareal anders verhält als auf der Wiesn? Der Text geht mit dem folgenden Satz weiter: „Besucher aus der Fremde verlaufen sich wegen der schlechten Wegführung im Pinakothekenviertel“. Doch wer das Museum meidet, weil er den Weg nicht findet, war ohnedies eher auf der Suche nach einer Maß Bier. Im Sinn, oder besser: Unsinn solcher Insinuierungen wird ein Sub-Text ausgebreitet, der das Unbehagen, das man ob des „Andrangs“ heuchelt, ohnedies für nichtig erklärt. „Kein Kurator hierzulande“, heißt es ungeniert, „kann von den acht bis elf Millionen Gästen träumen, die in Taiwan oder Brasilien einzelne Kunstausstellungen stürmen“. Acht bis elf Millionen? „Gäste“? Und vor allem: „träumen“? Zehn Millionen Menschen lassen einen Zustand erstehen, den ein „Kurator“ herbeisehnt: Wer solche Visionen hat, sollte tatsächlich zum Arzt gehen. Natürlich müssten sich Museen derlei Spektakelwahn gefälligst abschminken. Und selbstverständlich ist ihr Ressort die Hochkultur und sind sie zuständig für ein elitäres Erbe. Das gerade ist ihr demokratischer Auftrag: die Sensation, die sich in den Exponaten abspielt und nicht in der Besucherschlange. Eben dieser Auftrag zur Besonderung wird finanziert von der Allgemeinheit. An diesem Wochenende haben sie auch wieder einmal „Wetten, dass...“ abgefeiert. Nicht, dass Leute, die mit dem elitären Erbe nichts am Hut haben, sich vor den Fernseher setzen sollten. Aber immerhin lukrieren die öffentlich-rechtlichen Anstalten zur Zwangsbeglückung von Pensionisten nicht Millionen, sondern Milliarden. Finanziert ebenfalls von der Allgemeinheit. Das dürfte jedenfalls genug sein an publizitärer Gerechtigkeit. Nicht alles, was öffentlich alimentiert wird, muss einer Quote folgen. Und schon gar nicht Museen.

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