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Freud

Am 23. September ist es 75 Jahre her, dass der kulturhistorisch wohl bedeutendste Österreicher verstorben ist, im Exil, wie man es sich erwarten konnte. Seine zu den Nazis übergelaufenen Landsleute hatten keinen Platz mehr für ihn, und so ließ Sigmund Freud seinen Wohn- und Arbeitsort Berggasse 19 hinter sich und ging nach London. Heute ist die erste Etage im neunten Bezirk Museum, 50.000 Besucher im Jahr müssen stets aufs Neue darüber hinweg getröstet werden, dass sein wertvollstes Handwerkszeug, die Couch, in Hampstead steht. "Ich kann die Gestapo jedermann auf das beste empfehlen": Ein sehr grimmiger Humor hatte Freud diesen Satz diktiert, als er ein Dokument zu unterzeichnen hatte, das ihm die Nationalsozialisten vorlegten. Er sollte darin bestätigen, dass er in jenen Monaten, die sich zwischen der Machtübernahme des NS in Österreich und seiner Abreise nach London, also zwischen März und Juli 1938, abspielten, korrekt behandelt worden war - und die Weltberühmtheit unterlag in der Tat einem pfleglicheren Umgang als die vielen Unbekannten, denen der Wiener Antisemitismus vom ersten Tag an zu verstehen gegeben hatte, welche Stunde nun anbrechen würde. Freud hätte nur seinen Namen zu Papier bringen müssen. Doch er fügte eine sarkastische Empfehlungsformel an, die ihn leicht hätte nochmals in Gefahr bringen können. An Leib und Leben ließen die Nazis ihn unversehrt; an der Seele jedoch, und wer hätte dies profunder zu verstehen geben können, war Freud wie so viele andere in Mitleidenschaft gezogen. „Seien Sie versichert, wenn ich Oberhuber hieße, meine Neuerungen hätten trotz alledem weit geringeren Widerstand gefunden.“ Am 23. Juni 1908 schrieb Freud dies an den Freund Karl Abraham: Ein wenig Klage dringt durch, dass seine Errungenschaften nicht ihrer Bedeutung gemäß gewürdigt werden. Im Jahr 2004 kam die dreibändige Anthologie „Memoria Austriae“ heraus, die nach den Erinnerungsorten der Österreicher fragt, nach denjenigen topografischen, literarischen, psychologischen, biografischen Stellen, an denen sie ihre Identität greifen. Freud gehört nicht zu den Figuren, mit denen sie sich affizieren und identifizieren. Zwar erklärten laut einer Umfrage von 1980, die im Vorwort zitiert wird, 61 Prozent der Interviewten, seinen Namen zu kennen (bei Johann Strauß als Spitzenreiter war die Quote 98 Prozent, beim nächstfolgenden Mozart deren 94); gerade einmal drei Prozent indes fanden, er sei „charakteristisch für Österreich“. Freud heißt also immer noch nicht Oberhuber, auch nach einem Jahrhundert nicht. Ausgerechnet er, der Einrichtungsberater schlechthin des menschlichen Interieurs, hat bis dato keine rechte Chance, sich in die Innerlichkeiten der österreichischen Gedächtniskultur vorzuarbeiten. Hat auch nicht besonders zu seiner Popularität beigetragen: Sigmund Freud auf der 50-Schilling Banknote, eingeführt 1987 In meiner Lieblingsstelle seiner Schriften, einer wunderbaren Passage seiner Zivilisationstheorie „Das Unbehagen in der Kultur“, denkt Freud darüber nach, wie es wäre, wenn eine Stadt wie Rom funktionierte wie die menschliche Psyche: Nichts wäre verloren, alles sedimentiert, vorhanden in den Tiefen des archivalischen Vermögens. Dokumente aus Roms Frühgeschichte, aus seiner Klassik zur Zeit des Augustus, aus der Phase des Niedergangs in der Völkerwanderung, aus dem langsamen Wiedererstarken im Mittelalter, aus der neuen Glanzzeit in Renaissance und Barock, aus der Re-Etablierung als Hauptstadt Italiens sowie aus dem Planierwahn der Moderne wären auf einander getürmt, simultan vorhanden als Monument überhaupt aller Monumentalität. „Es hat offenbar keinen Sinn, diese Phantasie weiter auszuspinnen, sie führt zu Unvorstellbarem, ja Absurdem“, beendet Freud seine Überlegungen. Dabei war das gerade seine Domäne: Phantasien zu befördern, sie weiterzutreiben, dass sie verlieren, was man für absurd, für unvorstellbar gehalten hat. Dank Freud ist vieles, um nicht zu sagen alles vorstellbar geworden.

Ihre Meinung

1 Posting in diesem Forum
Mag.
W. Stach | 22.09.2014 10:27 | antworten
'a foischa fuffzga' eben

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