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Tobias Rehberger / Klotz am Bein. Skulpturen aus der Sammlung: Transfer und Trouvaille

Größere Skulpturen oder Plastiken zählen nicht wirklich zu den beliebtesten Sammlungsgebieten der zeitgenössischen Kunst. Aus gutem Grund, sie benötigen viel Platz, als mobil kann man sich nicht wirklich bezeichnen, was die Sicherheit im öffentlichen Raum angeht, gibt es ein gewisses Risiko für alle Beteiligten. Dank eines längst verkauften Zeitschaltuhrenpatentes laufen die Uhren in St.Georgen im Schwarzwald etwas anders. „Klotz am Bein“ nennt sich die Präsentation der Sammlung Grässlin in ihrem Heimatort, entlehnt ist der Titel von einer Arbeit von Meuser. Er, der sein Künstlerleben lang mit Schwermetall zu tut hat, wird es wissen. Letztes Jahr haben die Grässlins einmal ausgesetzt mit ihren weitläufigen, die ganze Ortschaft miteinbeziehenden Präsentationen. Wir erinnern uns, die letzte war Günther Förg (siehe die artmagazine Rezension) gewidmet, der bald darauf gestorben ist. Danach wurde es etwas ruhig im Schwarzwald, umso erfreuter wandert man nun wieder die Orte ab. Man trifft auf alte Bekannte wie Kippenbergers „Jetzt geh ich in den Birkenwald, denn meine Pillen wirken bald“ in der Auslage eines aufgelassenen Geschäftslokales oder Georg Herolds Kaviarbild im Plenarsaal des Rathauses, entdeckt Neues wie Kalin Lindenas Bleiglasinstallation „La Passion“ oder Michael Beutlers „Probeballen“ aus bunten Trink- anstatt Strohhalmen. Der Kunstraum Grässlin, das Restaurant Kippys und der Vorplatz werden diesmal von Tobias Rehberger bespielt, der sich sehr erfrischend weniger dem Interieur als einer Revision der eigenen Werke im Sammlungsbestand vornimmt. Es ist die Devise der Grässlins, sich in ihrer kollektiven Tätigkeit auf vergleichsweise wenige Künstler zu konzentrieren und dafür Hauptwerke, ganze Werkgruppen aus verschiedenen Phase des Oeuvres. Von Rehberger besitzt die Sammlerfamilie einiges, mitunter sehr speziell wie persönliches. Da sind die Vasenportraits, Gefäße, die der Künstler passend zu den jeweiligen Protagonisten entwirft und von ihnen mit den Lieblingsblumen bestücken lässt. In St. Georgen gerät das Arrangement, das seit 1999 mittlerweile ein Dutzend Mitglieder des Clans versammelt , zur blühenden Familienaufstellung. Die architektonischen Relikte einer quasi schwäbisch-japanischen Teezeremonie aus dem Jahr 2001 sind erhalten oder auch die Wandskulptur „Wen auch nicht alle, aber einige von euch“ aus dem Jahr 2006. Am Vorplatz, geschützt durch eine Art Garage, parkt der „100% Mutter aller Mütter“ Wagen, der einem Porsche 911 ziemlich ähnlich sieht, doch ist das Gefährt nach nicht ganz exakten Skizzen und ungenauen Angaben von Rehberger in Thailand nachgebaut worden. Vom originalen Serienmodell zur Zeichnung des Künstlers und weiter nach Asien zur beinahe perfekten Imitation. Dieser Transfer zwischen den unterschiedlichen Medien und Kulturen mag als Beispiel dienen, für das Prinzip von Rehbergers Arbeitsweise und dem forcierten Abschied einer alleinigen Autorenschaft. Im Restaurant widmet sich Rehberger mit maskenhaften Beleuchtungskörpern und einer 51-teiligen Serie auf Papier dem Thema „wilder Mann“ in allen möglichen Kulturen und schafft mit einer Maueröffnung zum Kunstraum eine Blickachse. Indem Rehberger die einzelnen Arbeiten unterschiedlichster Datierung als Versatzstücke eines neunen Arrangements verwendet, hätte sich an sich bereits eine neue Sicht auf die doch auch kontextuell sehr unterschiedlichen Arbeiten ergeben, doch er hat die Situationen der Ausstellung für eben jenen Anlass aquarellierend minuziös dokumentiert. Etwas Papier, Farbe sowie Wasser benötigt es um kulturelle und zeitliche Distanzen sowie Unterschiede in Material oder Medium auf einem Level zu vereinigen. Banal ist das Gegenteil des dergestalt Dargebrachten. Und womöglich benötigt es eben jene Aquarelle um wieder zum Kern von Rehbergers ursprünglichen Überlegungen zu gelangen.

Tobias Rehberger / Klotz am Bein. Skulpturen aus der Sammlung
24.05.2014 - 28.03.2015

Kunstraum Grässlin
78112 St. Georgen, Museumstrasse 2
Tel: +49 77 24 91 61 805
Email: info@sammlung-graesslin.eu
http://www.sammlung-graesslin.eu


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