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Lieber nicht

Im März 1986, auf dem Höhepunkt des Simulations-Hypes, erschien ein „Kursbuch“ zum Thema „Sprachlose Intelligenz?“. Klaus Laermann, der Berliner Germanist, redete sich unter dem mittlerweile selbst zum Klassiker gewordenen Titel „Lacancan und Derridada“ sein Unbehagen an der „Frankolatrie in den Kulturwissenschaften“ von der Seele. Neben der wunderbaren Überschrift trug Laermanns Text eine Diagnose vor, deren Gültigkeit ungebrochen ist: „Die Sekundärrezeption, die für jede Wissenschaftsmode kennzeichnend ist, ergibt sich aus den Schwierigkeiten, die zentralen Arbeiten einer Theorie zur Kenntnis zu nehmen.“ Die Frankolatrie. Da schrieb zum Beispiel Luce Irigaray, die Grande Dame des Feminismus in essentialistischer Darbietung: „Die gefalteten Hände - nicht die Hände, die einander ergreifen, ineinandergreifen, sondern die, die sich wie Lippen berühren, ohne sich zu greifen -, die gefalteten Hände versinnbildlichen vielleicht die Erinnerung an diese Initimität des Mukösen“ (Ethik der sexuellen Differenz). In deutscher Rezeption las sich das dann so: „Wenn alle sich von vornherein entwaffnen, ausziehen und zugänglich machen, laufen die wunscherzeugenden Phantasien von Verbot, Dunkelheit und fernen Zielen ins Leere... Diese Rhythmik versteht alle Phänomene ausnahmlos als Pulsierungen, Phasen, Takte“ (Peter Sloterdijk, Kritik der zynischen Vernunft). Ich weiß, es ist nicht sehr fair, den Herr- und Frauschaften Einzelsätze aus der Nase zu ziehen, und sie zu präsentieren als Paradebeispiele für ihre diskursiven Verschrobenheiten. Drei Dinge, so haben Alan Sokal und Eric Bricmont in ihrer 1999 auf deutsch als „Eleganter Unsinn. Wie die Denker der Postmoderne die Wissenschaften mißbrauchen“ erschienenen Abrechnung gezeigt, müssen zusammenkommen, dass der einschlägige Akademismus ins schwärmerische Übertragen gerät: Es bedarf erstens gewisser Schlüsselworte, En-Vogue-Termini, die Aktualität und Avanciertheit signalisieren. Es bedarf zudem der Namen der notorischen, weil gerade modischen Denker, die um eine trendige Sentenz angegangen werden. Und schließlich muss eine gewisse Unverständlichkeit in den Text gearbeitet werden, ein Obskurantismus, der zum einen eingeweiht tut und zum anderen genügend Spielraum lässt für die Zugaben der eigenen Missverständnisse. Die erste Instanz, die sich solche Mechanismen anverwandelt, ist immer schon der Kunstbetrieb. Doch wie es aussieht, ist er gerade im Begriff, eine Lehre aus seinen fehlgeleiteten Emphasen zu ziehen. Nach Baudrillard, Bourdieu, Badiou zaubert man nun exemplarische Literatur aus der Tasche, ein Stück sehr genießbarer Belletristik; auch Frankolatrie spielt keine Rolle: Die Wortspende kommt im Moment erstaunlich oft aus „Bartleby the Scrivener“ von Herman Melville. Die oft bemühte Prämisse des Helden ist „I prefer not to“. Momentan pflegen sie das „Lieber nicht“ als Motto einer Ausstellung der Kunsthalle Wien (siehe den artmagazine-Bericht vom 20.08.). Und anders als bei der Theorie formuliert Melville sogar eine Empfehlung: Primärrezeption. Seine Geschichte soll gelesen werden. Lieber schon.

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