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Das Osterhasen-Paradigma

Womöglich hat Robert Pfaller nicht weniger als eine Formel schlechthin für das Vitale gefunden. Sein neues Buch, in elegantem Understatement bei der Mutter aller wissenschaftlichen Populärliteratur, der edition suhrkamp, untergebracht, arbeitet sich an ganz fundamentale Dinge heran. Wenn Kinder den Glauben an den Osterhasen abgelegt haben, bedeutet das beispielsweise noch lange nicht, dass sie von seiner Existenz gänzlich geläutert wären. Denn die Kinder nebenan, die Spielkameraden und Konkurrenten um die Geschenke, die glauben ja noch an ihn. Von der Sandkiste an macht sich eine Wahrheit geltend, die man selbst konstruiert, indem man davon überzeugt ist, dass nur die anderen sie haben. Die Illusionen der anderen. Robert Pfaller, Philosoph an der Universität für Gestaltung in Linz, ist einer der wenigen Denker in Österreich von unbestreitbarer Intelligenz und Originalität. Ihm hat die Menschheit den wunderbaren Begriff von der Interpassivität zu verdanken. Im Kontrast zu seinem Gegenstück, der Allerweltsdämlichkeit Interaktivität, bezeichnet Pfallers Diktum eine Haltung, zu der man sich selbst autorisiert. Interpassive programmieren den Videorecorder und der nimmt ihnen dann den Film auf, den sie selbst nie anschauen werden. Interpassive delegieren Rezeption, lassen in den SitComs von eingespielten Stimmen lachen oder bringen Coffeetable Books mit, von denen sie hoffen, dass zumindest die Beschenkten sie lesen, bevor sie sie weitergeben. Interpassivität ist die Klugheit der Übersättigten und sie funktioniert, weil man daran glaubt, dass andere eben jene Freude haben, die man selbst niemals aufbringt. Insofern ist sie ein perfektes Medium für die Illusionen der anderen. Und auch diese Illusionen haben für Pfaller etwas mit Klugheit zu tun. Bis dato und die ganze Moderne hinweg regierten die eigenen Einbildungen, ließen auf authentisch machen, sich betroffen fühlen oder frustriert sein. Die Einbildungen der anderen dagegen bauen schlechterdings Distanz auf. Man kann sich zu Dingen hingezogen fühlen und dieses Hingezogensein als Fiktion goutieren. Womöglich steigert es sogar die Attraktivität. Und wer weiß, ob dies nicht gerade der Mechanismus der Kunst ist. Robert Pfaller, Die Illusionen der anderen; Suhrkamp/KNO 2002, 344 Seiten, ISBN: 3-518-12279-7, EUR 13,40,-

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