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Plastikflasche

Die wichtigste künstlerische Aufgabe im 19. Jahrhundert war die Anachronismus-Vermeidung. Dass Alexander der Große in einer Landsknechtrüstung steckt oder Kleopatra daherkommt wie eine Kurtisane des venezianischen Rokoko, war die Nonchalance einer Vormoderne, als Zeit immer auch etwas mit Zeitlosigkeit zu tun hatte. Nun galt das unerbittliche Gesetz historischer Genauigkeit. Jacques-Louis David lieferte den Präzedenzfall: Sein „Schwur der Horatier“, das eine Geschichte aus der frühen Phase Roms erzählt, spielt sich vor Arkaden ab, doch solche Gewölbearchitektur hatte es seinerzeit nicht gegeben; beim Folgebild, dem „Brutus“, der in der selben Zeit der Republik spielt, musste David den Schaden reparieren und eine – der Epoche entsprechende – Kolonnade einziehen. Ein Historiker, Seroux d'Agincourt, hatte David den Fehler in Rechnung gestellt. Die britische TV-Serie „Downton Abbey“ stellt so etwas wie die Verlängerung des orthodoxen Historismus in die Gegenwart dar. Gezeigt werden Episoden aus dem Landadel, der Gentry, die Geschichte machte, schon bevor es die Gentrification gab. Der Schauplatz mit dem fiktiven Namen, der den mittlerweile 31 Folgen und drei Specials den Titel gab, ist auf das Minutiöseste ausstaffiert, und weil die Handlung die ersten Dekaden des 20. Jahrhunderts, in dem sich bekanntlich alles dynamisierte und radikalisierte, abklopft, muss auch manches Accessoire verändert werden und manche Innovation Einzug halten. Was nicht zum Ausstattungszauber gehört, ist eine Plastikflasche. Die jedoch ist nun auf einem jener Teaserbilder, die als eine Art visueller Durchhalteparolen die Pause zwischen der abgelaufenen vierten und der im Herbst beginnenden fünften Staffel überbrücken, aufgetaucht. Man sieht auf den Foto die Hauptdarsteller Laura Carmichael und Hugh Bonneville (hierzulande bekannt geworden durch die Rolle des, ausgerechnet, liebenswerten Bankers, der prompt seinen Job verliert, in „Notting Hill“), aufgebaut als Earl of Grantham und seine Frau vor typisch britischem Mantelpiece. Gemälde an der Wand, Vasen, Kamin, alles perfekt, doch irgendeiner hatte Durst gehabt und vergessen, das dagegen nützliche Utensil zu entfernen. Plastikflasche also. Britannien lacht. Die Crew hat jetzt aus der Not eine Tugend gemacht, sich in Zivil mit einem Trinkgerät fotografieren lassen und das Ganze weitergeleitet zu einer PR-Aktion für Water Aid, das sich für die Frischwasserversorgung einsetzt. Der Film ist in der Gegenwart ohnedies das Refugium historischer Genauigkeit. Man vergleiche William Wylers 1959er „Ben Hur“ etwa mit Ridley Scotts „Gladiator“ von 2000, an dem die Altertumsforschung enthusiastisch werden muss. Historie ist nicht Erhabenheit, Vergangenheit ist nicht Klassizismus, und so wird mit der Freude an den genau geschilderten Details oftmals auch offenbar, dass es so viele Details womöglich überhaupt nicht gab seinerzeit. Vergangenheit ist Kargheit, ist Mühe, ist die tägliche Unsicherheit darüber, wie es weitergeht. Pier Paolo Pasolinis „Edipo Re“ von 1967 liefert vielleicht das Ausgangssignal. Ganz aus dem Geist des materialistischen Films wird der Neo-Realismus am Ende des zweiten vorchristlichen Jahrtausends vorgeführt, mit seiner Primitivität, seiner Instinktivität und seinem eklatanten Mangel an Zivilisiertheit. So wird es wohl eigentlich gewesen sein. Entsprechend gibt es zu Pasolinis orthodoxem Historismus eine Phase vorher. Und entsprechend ist man hier unbekümmerter um Anachronismen. Der vielleicht schönste: Das Kreuzfahrtschiff, das für ein paar Sekunden im Hintergrund von „The Crimson Pirate“, auf deutsch „Der rote Korsar“, 1952 von Robert Siodmak inszeniert, auftaucht. Die Piraten kämpfen, saufen, lachen, und im Fond feixen die Touristen. Youtube hat die Szene parat:

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