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Karten

Nachdem das Zweite Vatikanische Konzil die alte Messordnung abgeschafft hatte, ergab sich die Gelegenheit, mit lateinischen Wörtern zu protzen, bevorzugt durch die Mondmissionen der NASA. Mare Serenitatis, Mare Tranquillitatis, der Ort von Apollo 11, oder Oceanus Procellarum, wo Apollo 12 untergebracht wurde, kamen so in alle Munde. Apollo 13 hatte bekanntlich seine Probleme, der Landeort indes wurde an das Nachfolgeprojekt weitergegeben, und entsprechend setzte die Fähre von Apollo 14 am Fra-Mauro-Krater auf. Fra Mauro klingt zwar auch liturgisch, ist aber eindeutig nicht lateinisch, sondern italienisch, ist weniger Poesie als Eigenname und bezieht sich auf einen Venezianer des 15. Jahrhunderts. Warum die für Namensgebung im All zuständige, 1922 erstmals zusammen getretene International Astronomical Union sich ausgerechnet auf ihn verständigte, lässt sich nicht rekonstruieren. Falsch war es nicht: Fra Mauro ist ein Kartograf, sein 1459 aufgestellter Plan der Welt stellt das Genaueste dar, was bis dahin zu haben war. Heute ist das Rundbild im Museo Correr zu bewundern, und Fra Mauro hat seinen Ehrenplatz auf der erdzugewandten Seite unseres Lieblingstrabanten. Die Erinnerung an Maurus den Mönch verdankt sich einem schönen Buch von Simon Garfield, Journalist für BBC und Observer und als Brite ein Spezialist für das Verfassen ebenso informativer wie vergnüglich zu lesender Bücher über Gott und die Welt. Dass er seiner Darstellung eine Schlagseite ins Insulare gibt, sei nachvollzogen (zumal dann, wenn man Bill Brysons Bestseller kennt, der durch die Bank von Erfindungen der Engländer redet, die um so obskurer anmuten als ihnen doch nach der Dampfmaschine und ihren Ablegern eigentlich nichts mehr eingefallen ist). Die Engländer, zählt Garfield auf, haben in Gestalt von John Ogilbys Streckenplänen um 1700 die ersten Straßenkarten auf den Weg gebracht; sie haben um 1800 in Nigeria eine Gebirgskette verortet, die es nie gab, die aber, als Kong-Berge, mit jeder Neuausgabe afrikanischer Karten unwegsamer wurde, bis sie gegen 1900 dann wieder verschwand; die Briten als Großmeister des Imperialismus rissen sich alles, wo sie irgendwann vorbeikamen, unter den Nagel, um es nach irgendwelchen Mitgliedern der königlichen Familie zu benennen; und sie haben, berühmt durch Robert Louis Stevenson, die Schatzkarten entwickelt, nach denen man heute noch graben kann. Die bedeutendsten Kartografen aber, das gibt Garfield unumwunden zu, sind die Holländer. Der Klencke-Atlas, 1660 ins Werk gesetzt, ist der berühmteste und einer der größten, ein Geschenk immerhin an den König der Briten, gefertigt in Amsterdam. Dort sitzt heute Tom-Tom, das Unternehmen, das den PKW-Navi popularisiert hat. Willem Blaeu, ebendort beheimatet, hat den Atlas Maior entwickelt, im 17. Jahrhundert das erfolgreichste Unternehmen seiner Art: 460 Gulden kostete das Konvolut seinerzeit, wofür man, rechnet Garfield vor, zehn Sklaven zu je 40 Gulden kaufen und noch für deren 60 von gewissen Indianern eine Insel namens Manhattan erwerben konnte. Anekdoten werden mithilfe der Karten, die das Buch skizziert, jedenfalls zielsicher angesteuert. Mappa Mundi, Hereford In Hereford ist eine Weltkarte aus dem 13. Jahrhundert erhalten, eine Mappa Mundi, die der Forschung lange Zeit Sorgen bereitete. Die Stadt in Mittelengland ist darauf eingetragen, doch die Schrift, die das vermerkt, unterscheidet sich von der aller anderen Namen und Daten, so dass man vermutete, die Ortsangabe sei später gesetzt worden, um den Plan auf seinen neuen Aufenthalt hin abzustimmen. Aber andersherum wird ein Schuh daraus: Die Schrift mit „Hereford“ ist später, weil sie erneuert wurde, und sie musste erneuert werden, weil die Leute darauf herumtappten und die Lettern abrieben, die ihnen ihre vertraute Umgebung benannten. Da können Karten also noch so objektiv tun: Die Menschen wollen ihr häusliches Hier und Jetzt, jeder U-Bahn-Plan hat seinen leeren Fleck genau dort, wo er hängt. Saul Steinbergs Sandkastenperspektive des „New Yorker“ stellt es wunderbar vor Augen. Und mit den Errungenschaften des Internet ist die Raison d'Etre der Welt, den Horizont um einen selber zu spannen, wieder ganz bei sich. Garfield nennt das „die unmittelbare immer und überall verfügbare Selbstkartierung“. Sein Buch empfiehlt sich jedenfalls als wunderbarer Reiseplaner – für die Zeit vor allem auch danach. Simon Garfield, Karten! Ein Buch über Entdecker, geniale Kartografen und Berge, die es nie gab, Darmstadt: Wissenschaftliche Buchgesellschaft 2014

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