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Wünsch Dir was

„Aufreger“ nannte man das damals, wenn im Fernsehen etwas Spektakuläres zu sehen war und sich die obligatorischen 70 Prozent der TV-konsumierenden Bevölkerung darüber das Maul zerrissen. Der Aufreger bestand darin, dass sich eine Tochter aus gut bürgerlicher Familie am Samstagabend mit knospenden Brüsten vorführte, ein Nichts an Bluse darüber, doch das Kind war ja noch nicht mal volljährig. „Wünsch Dir was“ hieß die Show, und sie war zwischen Dezember 1969 und März 1971 in elf Folgen das Neueste an Unterhaltung, ein aufreizendes Exempel an „Mehr Demokratie Wagen“ im Dunstkreis des Hergebrachten. Vivi Bach und Dietmar Schönherr, der gerade 88jährig verstorben ist, waren die Moderatoren, sie waren verheiratet, und die gute alte gottgewollte Institution der Ehe sollte sichtlich den Fels in der Brandung abgeben, die die Show durchaus selber verursachte. Vivi Bach indes war eher Assistentin als Partnerin, und die gewisse Untergeordnetheit der Frau war ihrerseits eine durchaus beabsichtigte Botschaft. Drei Familien, drei Kernfamilien Vater-Mutter-Tochter-Sohn, aus den Sendebereichen der drei beteiligten Sender ORF, SRG, ZDF, teilten sich in die staatstragende Aufgabe, Harmonie vorzuführen, jeweils eine aus Österreich, Schweiz, Deutschland, auf dass es am Ende einen Sieger gebe. Die Familie, die am meisten Eintracht, Einverständnis, Einigkeit demonstrierte, sollte in alter Wettkampfherrlichkeit einen Preis in Empfang nehmen, den man sich selbst ausgestalten durfte und der am Beginn der Sendung jeweils schon vorab genannt wurde, eine Reise, ein Luxusprodukt, aber auch die Schuldentilgung. Love, Peace and Harmony wurden beschworen, jene Balztugenden der gerade aktuellen Hippies, die rückbezogen wurden auf ihren angenommenen Ursprung im eigenen Heim und Haushalt. Natürlich war „Wünsch Dir was“ reaktionär, aber die Spielshow war es mit immerhin recht ungewöhnlichen Mitteln. Als Einlagen gab es, neben Auftritten von konventionellen Acts wie Ivan Rebroff, Udo Jürgens oder den Bee Gees, Künstler: Hundertwasser durfte über seine Konzepte begrünter Dächer reden, die Möblierung Mitteleuropas mit seinen Häusern fand an diesem Samstagabend wohl ihren Anfang. Es gab Kontroversen: Esther Vilar diskutierte über den „Dressierten Mann“, das Manifest gegen die Emanzipation der Frauen, bevor sie überhaupt losging. Und es gab Beinahe-Katastrophen, als etwa ein Auto samt Familie im Pool versenkt wurde und Taucher die öffentlich-rechtlichen Nichtschwimmer befreien mussten. Der ORF war federführend, im Hintergrund hielt sich Andre Heller bereit, damals so etwas wie ein Enfant Terrible. „Wünsch Dir was“ war, den Mentalitäten seinerzeit sehr gemäß, eine Spielwiese für Küchenpsychologie. Kommen wir entsprechend zum „Aufreger“ zurück. Geht die Mama an sechs Models vorbei, jede angetan mit dem neuesten Heinz Oestergaard – Chic, und soll vorentscheiden, was die Tochter gleich im TV tragen wird. Sofort steuert sie auf Model sechs zu, „das Letzte“, sagt die Mutter, meint wohl die letzte im schieren Nacheinander des Defilees und bringt doch die Moral heraus, die sie umtreibt und die auch ein wenig Licht auf ihr Verhältnis zur Tochter wirft. „Warum gerade dieses?“, fragt Schönherr, es ist immerhin die Konfektion mit der durchsichtigen Bluse. Darauf die Mama in perfektem Freudianismus: „Weil meine Tochter schrecklich gerne Hosen trägt.“ Darauf Schönherr: „Mir scheint die Hose nicht das Bemerkenswerteste an diesem Kostüm.“ Die Tochter jedenfalls tritt auf, wie es nicht zu vermeiden war - die Mutter kannte ihre Brut tatsächlich gut, und der Moderator befindet: „Bemerkenswerte Übereinstimmung.“ Der Sieger wurde übrigens per „Lichtest“ bestimmt: Die Zuschauer sollten in einem festgelegten Areal durch Einschalten aller Elektrogeräte in ihren Haushalten und also durch Erhöhung des Stromverbrauchs votieren. Doch es waren die Jahre eines langsam auch eingeschalteten Öko-Bewusstseins, und so drehte sich im Lauf der Folgen das Verfahren um: Die Zuschauer sollten fortan ihre Geräte vom Netz nehmen, und man erfragte nun beim Elektrizitätswerk die niedrigsten Raten. Idealerweise musste man auch den Fernseher ausschalten: nicht die geringste Paradoxie an „Wünsch Dir was“. Gerade in der Absurdität ihrer versuchten Anpassung an den Zeitgeist brachte die Show ihre Jahre auf den Punkt.

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