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OBJEKTE, benutzen

Sein „Erster Werksatz“, ab 1963 als strenge Schule der Stoffbahnen und Handlungsanleitungen realisiert, ist die Inkunabel einer deutschen Conceptual Art. Franz Erhard Walther, Jahrgang 1939, ist einer der Protagonisten in jenem Schauspiel, in dem sich eine nicht mehr gattungs- oder objektspezifische Kunst, ein nicht mehr auf Originaliät oder gar Genialität versessener Autor und ein nicht mehr auf Kontemplation erpichtes Publikum zum Kunstbetrieb der Gegenwart formierten. Er hat ab 1967 in der Hauptstadt des 20. Jahrhunderts, in New York, gelebt und noch von New York aus 1971 eine Professur an der Hamburger Hochschule für bildende Künste angetreten. Ich halte Franz Erhard Walther für einen der bedeutendsten Künstler der eben nicht mehr schönen Künste. Walther ist nicht unterschätzt, aber richtig gewürdigt ist er ebenso wenig. Auch als Lehrer war er einer der Protagonisten der erweiterten Gegenwart: Illustre Namen wie John Bock, Christian Jankowski, Jonathan Meese und Santiago Sierra genossen seinen Unterricht. Noch in New York, 1968, publizierte Walther im Verlag der Gebrüder König, die als Distributoren von den selben neuen Voraussetzungen wie der Produzent ausgingen, ein Buch. „OBJEKTE, benutzen“ hieß es und gab schon im Titel vor, was die Essenz eines nicht mehr essentialistisch zu verstehenden Werkbegriffs war. Die Publikation brachte zeittypisch Fotos und Texte zusammen: Erstere waren Momentaufnahmen von Walthers „Erstem Werksatz“ und von Menschen, die die Elemente dieses Werksatzes am eigenen Leib nachvollzogen, die lagen, standen, stemmten und bisweilen aussahen wie ein blutjunger Kasper König; letztere waren Schriftsätze, in denen typografisch und ein wenig retortenhaft umgesetzt war, was Walther in Gestalt von Wörtern und Wortkombinationen zu Papier gebracht hatte. Davon, dass Walthers grafische Arbeiten von einer speziellen Delikatesse sind, konnte man sich in den letzten Jahren in einigen Ausstellungen überzeugen. Unter anderem am ZKM in Karlsruhe. Dieses ZKM hat „OBJEKTE, benutzen“ nun wieder herausgebracht, diesmal allerdings mit der fotografisch genauen Beigabe von Walthers Papieren. Man findet ja nur, was man sucht, und so sind beim Künstler die seit Jahrzehnten verschollenen Originale wiederaufgetaucht. So gesehen ist die Neuausgabe weniger ein Reprint als ein Stück Wiedergutmachung an der Kunstgeschichte. Und auch ein Stück Wiedergutmachung an Walther selbst. Ich habe vor Jahren ein Interview gemacht, dabei fiel der folgende Dialog an. Meine Frage: „Sie haben 1969 zusammen mit unter anderem Robert Morris in der New Yorker Ausstellung 'Spaces' mitgemacht und zu der Zeit ja auch dort gelebt. Dabei haben Sie sich auch mit Barnett Newman angefreundet. Haben Sie das Gefühl, dass die Amerikaner besser verstehen, was Sie machen, gerade in Hinblick auf einen nicht-expressiven Körperbegriff?“. Walthers Antwort: „Die massive Ablehnung, die ich in Deutschland, namentlich in Düsseldorf, wo ich wohnte, erfuhr, habe ich in Amerika nicht erlebt. Speziell, was die Kollegen angeht. Ein Künstler wie Walter de Maria hat mir einfach offenere Fragen gestellt. Hierzulande hieß es immer gleich 'Was bedeutet das?', und diese Bedeutungshuberei gab es in New York überhaupt nicht, auch nicht dieses Beladene und Schwere.“ Beuys als Barriere. Ein Brief, den Walther im Januar 1970 an Barnett Newman schrieb, ist in der Neuausgabe von „OBJEKTE, benutzen“ abgedruckt. Zusätzlich gibt es ein aktuelles Gespräch von Peter Weibel mit König und Walther zu lesen sowie ein Interview mit Walthers erster Frau Johanna aus den Neunzigern. So lässt sich dann auch dieses Buch füglich benutzen. Franz Erhard Walther, OBJEKTE, benutzen, Hg. Peter Weibel, Köln: Verlag der Buchhandlung Walther König 2014

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