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Kunst und Alltag

On Kawara ist gestorben. Vor drei Jahren hat es Roman Opalka getroffen, vor fünf Hanne Darboven. Sie waren herausragende Vertreter einer Conceptual Art, deren Logik im Seriellen lag, in der Einsicht in die prinzipielle Unabgeschlossenheit eines künstlerischen Werkes. Eine Unabgeschlossenheit, die sich ohnedies nur vollendet im Tod. Was dem Oeuvre dazwischen die Fasson gibt, ist der Alltag. Hanne Darboven, Detail aus: Kinder dieser Welt, 1990-1996 © Bildrecht, Wien 2014 Das Medium schlechthin des 20. Jahrhunderts, der Film, liefert ganz buchstäblich Reihen. So hat es eine eigene Logik, wenn Gilles Deleuze mit seinen beiden Büchern über das „Zeit-Bild“ und das „Bewegungs-Bild“ zu einem der wichtigsten Theoretiker des Kinematografischen werden konnte. Vorher war Deleuze schon der Denker des Prinzips Serie geworden. Sein 1968 erstmals erschienenes Initialwerk „Differenz und Wiederholung“ gibt einer Praxis des Werks im Plural die Philosophie. Dass seine Überlegungen zeitgleich stattfinden mit dem Schaffen der oben Genannten, gehört zu dieser Logik. Was Deleuze meint, ist im Titel pointiert. Wiederholung ist schöpferisch, sagt Deleuze, denn es ereignen sich notwendigerweise „Verschiebungen, Beschleunigungen, Verzögerungen, Varianten“, die verhindern, dass dabei nichts anderes als Identität entsteht. Mit Identität ist es sowieso vorbei, und an ihre Stelle treten „Spiegelungen, Echos, Doppelgänger, Seelen“. Wie jede postmoderne Philosophie ist Deleuzes Denken weniger erkenntnistheoretisch, politisch oder gar moralisch als in erster Linie ästhetisch. Konsequent landet Deleuze selbst bei der Kunst als bevorzugter Instanz seiner Gedanken: „Das einzige ästhetische Problem besteht darin, die Kunst ins tägliche Leben eindringen zu lassen. Je mehr unser tägliches Leben standardisiert, stereotyp und einer immer schnelleren Reproduktion unterworfen erscheint, desto mehr muß die Kunst sich ihm verpflichten und jene kleine Differenz entreißen, die überdies und zur gleichen Zeit zwischen anderen Ebenen der Wiederholung wirksam ist.“ Die Conceptual Art speziell hat sich dem täglichen Leben mit seinen Standardisierungen und Stereotypen unterworfen. Und vielleicht ist es ihr dabei gelungen, dem Alltag jene kleine Differenz zu entreißen, von der Deleuze redet. Wenn es diese Differenz gibt und sie wirksam wird in Serien, dann liegt sie in einem neuen Verständnis für das Theatralische. Das kann im Interessanten eines aufsehenerregenden Auftritts liegen. Aber auch im Spektakulären einer Reduktion auf die Sensationen des Jederzeit. Das ständig Gleiche, das ist der Alltag; der Alltag, das ist die jederzeit mögliche Änderung, die gerade deswegen nichts bewirkt, weil sie niemals definitiv sein kann: Ein solcher Alltag wird hereingeholt in die Kunst der Gegenwart. Und indem die Kunst ihn hereinholt, formuliert sie die Differenz: Der Alltag wird ästhetisch, weil er etwas Spielerisches bekommt, die Dezidiertheit der Pose, die Affektivität der Vorführung, die Schönheit des Gewollten. Die Kunst, das ist die Theatralisierung des Daseins in der Tatsache, dass man es lebt.

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