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Kearsarge und Alabama

Heute ergibt sich Gelegenheit, wieder einmal meinen Lieblingskünstler zur Sprache zu bringen. Anlass ist eine Art Jubiläum, der 150. Jahrestag eines Ereignisses, das im Rahmen eines ganz großen Schlachtens über die Bühne ging. Über 700.000 Soldaten verloren die Vereinigten Staaten in ihrem Civil War, mehr als in allen anderen Kriegen zusammen, die der notorische Gewinner der Moderne jemals führte. Der Schauplatz war an jenem 19. Juni 1864 etwas außerhalb des angestammten Territoriums. Er war Cherbourg in Frankreich, denn dorthin hatten sich zwei amerikanische Schiffe verirrt. Die „Alabama“ gehörte den Konföderierten und damit, wie der Name unschwer erkennen lässt, zum Süden. Sie war einer der erfolgreichsten Störer in der Geschichte der Seefahrt; 64 Prisen hatte sie auf dem Kerbholz, als sie überholt werden musste, was sie in Frankreich über sich ergehen ließ. Auf der anderen Seite, bei der Union der Nordstaaten, stand die „Kearsarge“, ein Schwesternschiff, das gefolgt war, da die „Alabama“ Kriegsgefangene an Bord hatte, die man nun, auf neutralem Boden, wieder aufzunehmen suchte. Auf der „Alabama“ wollte man es zum Kampf kommen lassen, der Ruf war ein wenig lädiert, denn die Tonnage im Wert von damals 20 Millionen Dollar, die man versenkt hatte, gehörte samt und sonders Handelsschiffen. Nun wollte der Kapitän zeigen, dass er auch ein Krieger war. Diese Bereitschaft hatte sich herum gesprochen, und so kam ein Unmenge an Schaulustigen an die Küste, um hier eine seltsame Art von Blutwiese abzustecken. Praktischerweise fiel der Tag des Scharmützels auch noch auf einen Sonntag. John Keegan, der bedeutende Historiker des Krieges, schätzt die Zahl der buchstäblichen Schlachtenbummler auf 15.000. Was passierte, war eine Niederlage der Konföderierten, die in diesem Jahr ohnedies auf dem Weg in die Kapitulation waren: Die „Kearsarge“ hatte sich mit Ketten gepanzert, was der „Alabama“ nicht nur fehlte, sondern ihr auch geheim gehalten wurde, da der eiserne Schutz hinter Holz versteckt war. Wer vor genau 150 Jahren auch nach Cherbourg kam, war Edouard Manet. So entstand das erste Historienbild der Moderne, ein Schlachtengemälde, das zeigt, was zu sehen ist, wenn die Kriege und ihre Ausrüstung topografisch, technisch, psychologisch überborden: Nämlich eher wenig. Viel Wasser gibt es zu sehen, noch mehr Rauch und einige Schemen am Horizont. Der Krieg ließ die Gaffer an sich heran, doch was er preisgab von sich, war die Evidenz der Distanz. Edouard Manet: Schlacht zwischen der Kearsarge und der Alabama, 1864, 134 × 127 cm, Öl auf Leinwand Der Berichterstatter seinerseits sollte sich tunlichst abseits halten, wenn er retten wollte, was zu retten war, sein Leben und das Wissen darüber, was da geschehen ist: seine Augenzeugenschaft. Manets Werk ist ein geschichtliches Ereignisbild. Das einzige, was es leisten kann, ist, die Ungreifbarkeit des Raums mit der Unmittelbarkeit der Zeit zu kontern. Manets Gemälde war schon in der nächsten Woche in Paris ausgestellt.

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