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Die Ästhetik des Widerstands. Roman

Der schlimmste Feind der Volksfront von Judäa ist die judäische Volksfront. Das ist das tapfere Fazit aus Monty Pythons “Leben des Brian”, auch und gerade, wenn man gegen einen eindeutigen Feind angeht. Dann nimmt sich die Befreiungstruppe zusammen und skandiert: “Unser schlimmster Feind, das sind die Römer”. Aber nach allem, wie sich die Kampfhandlungen in Szene setzten, greift die politisch korrekte Parole ins Leere und überlässt die ganze Wahrheit dem Scharmützel mit der ideologischen Konkurrenz. Der schlimmste Feind, das war schon immer der Nachbar. Monty Pythons 1979 gedrehter und überdrehter Anti-Historienfilm bringt ein Problem auf den grotesken Begriff, an dem sich zeitgleich ein tausendseitiges Werk mit allem Anspruch auf hohe Literatur abarbeitet. Sein Titel ist “Die Ästhetik des Widerstands”. Gerade ist dem ambitionierten Hybriden aus politischer Theorie, Traktat über die Kunstgeschichte und Idealbiografie eine, wie ich im artmagazine lese, instruktive Ausstellung gewidmet. Peter Weiss also. Sein Opus Magnum, 1975 bis 1981 in drei Bänden erschienen, untersucht mit dem Pathos einer in höchster Stillage lancierten, zuweilen das Hysterische streifenden Sprache, wo in einer Gegenwart der späteren Siebziger der politische Gegner zu finden ist. Auf den ersten Blick scheint sich die Trilogie, die auf dem Buchumschlag mutig behauptet, ein “Roman” zu sein, die Antwort leicht zu machen: Peter Weiss konstruiert eine sehr zur Identifikation einladende Hauptfigur und setzt sie in eine Zeit, in der die Fronten eindeutig wie nie im 20. Jahrhundert waren; der Held ist ein junger Arbeiter, steht auf der Seite der Kommunisten und kämpft gegen die Nationalsozialisten. Dieses Freund-Feind-Schema verheißt jene unmittelbare Eingängigkeit und Einladung zur Identifikation, unter deren Ägide sich die deutschsprachige Wohlstandsjugend, nicht zuletzt der Schreiber dieses Blogs, sofort vorstellen konnte, damals auch dagegen gewesen zu sein und sich sofort und überall, ganz anders als die Eltern, gegen alle NS-Avancen gestellt zu haben. Damals. In der Vorstellung. Und doch hat Peter Weiss Hunderte von Seiten lang damit zu tun, der kommunistischen Identität seines namenlosen und in manchen Details des Lebenswegs mit ihm selbst verwandten Protagonisten Nachdruck zu verleihen. Der Hitler-Stalin-Pakt, die Moskauer Schauprozesse und die Unfähigkeit zum historischen Kompromiss mit den Sozialdemokraten sind zentrale Themen dieser prekären literarischen Existenz. Weiss hat die Mechanismen gut verinnerlicht, wenn er die absurden Gedanken rekonstruiert, die dazu führten, den vom Sowjetstaat verordneten Mord an den eigenen Genossen gutzuheißen: “Wenn ein Staat, dessen Gerechtigkeit mir immer als unumstößlich erschienen war, gegen mich Anklage erhebt, sagte er sich, kann ich nicht widersprechen, denn damit würde ich alles aufheben, was für mich bisher höchste Wahrheit war. Indem ich dem Staat recht gebe, gebe ich mir selbst recht. Würde ich leugnen, risse ich mir den Boden unter den Füßen weg” (Band 3, S. 147). Drei Jahrzehnte später lassen sich die seltsamen Skrupel und Vorbehalte, die dem Denkmal, das der Roman setzt, eine Art Marmorierung geben, besser verstehen. Tatsächlich haben nicht der Faschismus, wie ihn Weiss in Gestalt der Franco-Truppen schildert, und nicht der Nationalsozialismus, dessen Wirksamkeit in dem Buch sowieso allgegenwärtig ist, jenem Staat, dem alle Hoffnungen zuflogen, den Garaus gemacht. Das Rätesystem wurde vom parlamentarischen System besiegt. Was sich um 1990 wie von selbst erledigte, war der Bruderkampf zwischen kommunistischem und sozialdemokratischem Jahrhundert. Heute sind wir schlauer: Der schlimmste Feind der Volksfront von Judäa war in der Tat die judäische Volksfront.

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