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Fontana

Gegen die Schönheit das Hässliche, gegen die Formation die Deformation, gegen die Konstruktion die Destruktion: Immer schon hat die Avantgarde sich in Widerspruch geübt, um die Kunst zum Modell zu nehmen für eine Fundamentalopposition auch in Dingen der Gesellschaft. Mit der Nachkriegszeit, als Auschwitz und Hiroshima erwiesen hatten, wie herrlich weit die Menschheit es gebracht hatte, musste sich der Widerspruchsgeist verstärken, und die Kräfte des dagegen Ankämpfens nahmen überhand. Bilder wurden ausradiert wie bei Robert Rauschenberg, übermalt wie bei Arnulf Rainer, angezündet wie bei Emil Schumacher oder gleich durch den provokanten Auftritt ersetzt wie bei den Wiener Aktionisten. Lucio Fontana, geboren 1899, gestorben 1968, ist unter diesen Tendenzen zur buchstäblichen Auflösung und Informalisierung der Meister der Perforation. Löcher werden in die Leinwand getrieben, indem man Steine in sie hineindrückt, sie mit der Schere traktiert oder ein Messer nimmt, um Schnitte zu setzen. Das Kontinuum der Welt, für das die Intaktheit des Bildes steht, das auf diese Welt Bezug nimmt, hat Risse, es ist versehrt von Brüchen und nichts anderes als die Aneinanderreihung von Fragmenten. Die Wirklichkeit, sie ist in Fetzen. Das Pariser städtische Museum für moderne Kunst im Palais de Tokio widmet Fontana momentan eine Retrospektive. Vom allerfrühesten Frühwerk um 1920 bis zum altbekannten Abenteuer des geordneten Schlitzens geht der Parcours, und es wird bald deutlich, wie sich der Impetus des Hand Anlegens mildert. Das sind die Dinge, die man von ihm kennt: monochrome Leinwände, markiert von Schnitten, ein sehr gemäßigtes Klaffen, das wieder Monochromie freilegt. Die Spuren der Attacken sind da, aber zu Signaturen der Wiedererkennbarkeit geschrumpft, zu Relikten einer künstlerischen Gestigkeit, die ihre ureigene Automatik angenommen hat.
Exposition Lucio Fontana | MAM von paris_musees Die Schnitte in der Leinwand stellen sich auf zum Defilee, sie geben in ihrem Spalier den Blick frei auf eine zweite Sphäre, einen Fond aus Dunkelheit, der den Schnitten optische Prägnanz verleiht. Die Hintergründigkeit ist tatsächlich, das Düstere rein farblich, und der Kontrast der grellen zur abgetönten Schicht von augenfreundlicher Eingängigkeit. „Raumkonzepte“, Concetti Spaziali hat Fontana abgemessen, die Zerstörungswut hat sich sublimiert zur Aufmerksamkeit für minimale Lagen und minutiöse Zonen des Dazwischen. In zweiter Ebene ist die Leinwand dann wieder hergestellt. Im ersten Capital-Kunstkompass, den Willi Bongard ab 1970 erstellt hat, lag Robert Rauschenberg in Führung, gefolgt von Victor Vasarely, und dann kam schon Fontana. Der Betrieb hat es ihm schnell gedankt, dass er zeigte, wie man den Furor domestiziert. Heute dagegen sieht man eher das Kontrollierte und Disziplinierte. In der aktuellen Rangliste der verstorbenen – und damit außer Konkurrenz platzierten - Künstler taucht der Name Fontana nicht mehr auf. Der von Rauschenberg natürlich schon. www.mam.paris.fr

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