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Eine Kulturgeschichte

Die Fußball-Weltmeisterschaft steht vor der Tür. 19 Prozent der Österreicher, so hat es gerade eine unglaubliche Umfrage festgestellt, werden dabei zu den Deutschen halten. Der Wahrheit entspricht es eher, dass deren 81 Prozent dem Nachbarn dann alles Schlechte wünschen. Was soll man auch tun als kleines Land gegenüber einem großen, als Anhänger eines Vereins, der es bestenfalls ins Viertelfinale Europa League vis-à-vis einem Endspielteilnehmer bei den Champions bringt, und als Afficionado einer Nationalmannschaft, die beim Championnat fehlt und nicht vielmehr dabei ist. Was soll man auch tun: Im Frühjahr 1995 sollte Andreas Herzog zur gleichen Zeit für das „Team“, wie der Österreicher sagt, und für seinen Verein Werder Bremen auflaufen; er entschied sich für die Grünen. „Die Empörung in Österreich ist groß. Da ist einem Sohn der Heimat das Geld wichtiger als die Heimat.“ Ein wenig geht es dem Autor dieses Satzes wie seinem beispielgebenden Spieler. Auch Klaus Zeyringer, dem Germanisten aus Graz, der seit langem in Frankreich unterrichtet, schlagen zwei Herzen in der Brust. Gerade hat er sein Buch „Fußball. Eine Kulturgeschichte“ im Frankfurter Fischer Verlag herausgebracht, saisongemäß ist mit einer eher umfangreichen Leserschaft zu rechnen. So ist er dem kleinen StudienVerlag, Innsbruck/Wien/Bozen, bei dem er 2007 zum Beispiel seinen schönen Langessay „Ehrenrunden im Salon“ publizierte, untreu geworden. Fischer also. In Erwartung eines dann nicht nur deutschsprachigen, sondern auch mehrheitlich deutsch affizierten Publikums muss Zeyringer nun über seinen Schatten springen. Tapfer zitiert er also Loriot, der zum 100jährigen des FC Bayern die Festrede hielt, und kann nicht umhin, den Eintrag „Apopudoblia“ aus der Altertumsenzyklopädie „Der kleine Pauly“ zu erwähnen, einen netten Fake über Fußball bei den antiken Griechen unter einem Trainer namens Achilleus Taktikos. Im Sinne einer Kulturgeschichte sind derlei Petitessen natürlich hübsch, die unvermeidliche Parallelisierung von Sepp Herberger und Konrad Adenauer oder von Günter Netzer und Willy Brandt ist auch hier unvermeidlich. Auch gern erwähnt: Das spezielle „Raumgefühl“ der Niederländer, das sie fürs Fußballspielen von der Landgewinnung per Eindeichen übernehmen konnten. Ajax hat entsprechend Anfang der Siebziger dreimal hintereinander den Europapokal der Landesmeister gewonnen. Nochmal davor hat Feyenoord Rotterdam gewonnen. Da war ein Deichgraf namens Ernst Happel der Trainer, und man kann der Wahrheit seines Wirkens ja die Ehre geben. Der österreichischen Wahrheit wird dann schon sehr oft die Ehre gegeben. Lothar Matthäus kommt nicht vor im Buch, aber dafür ein Bergab-Dribbler namens Karl Schranz. Die WM 1990 wird, abgesehen von der Spuck-Affäre Völler-Rijkaard, übersprungen, das Buch steuert gleich auf USA 1994 zu, wobei drei Seiten sich einem Gastspiel von Hakoah Wien ebendort im 1927er Jahr widmen. Überhaupt die glorreiche Wunderteam-Zeit: Spaniens Tiki Taka ist ein „ähnliches System“ wie jenes seinerzeit in „Prag und Wien“, und als die Deutschen auch mal Weltmeister wurden, saßen der Torberg und der Meisl im Wiener Caféhaus und fragten sich, „ob dies nun das Ende der Poesie im Fußball sei.“ Natürlich war früher alles besser, und was sind schon Mussolini und der andere, der Dings, gegenüber den Machenschaften der FIFA heute. Da ist, scheint's, alles Verschwörung, kein Wunder, dass die Österreicher es zu nichts bringen. Cordoba und der Edi Finger kommen ausführlich zu Wort; Gijon wird erwähnt, Eberhard Stanjek von der ARD, der deutliche Worte über das ominöse Geschiebe fand, wird zwar zitiert, bekommt aber keinen Namen. Ein sehr einschlägiges Werk hat Zeyringer da verfasst, weniger eine Kultur- als eine Mentalitätsgeschichte des Fans als Österreicher. Wer übrigens ein richtig gutes Fußballbuch in der Hand halten will, nehme Jonathan Wilsons „Revolutionen auf dem Rasen“, 2011 im Verlag die Werkstatt auf deutsch erschienen. Zeyringer erwähnt es nicht. Da liest sich dann, warum die Argentinier ihre Affenliebe zur Nummer 10 pflegen, oder dass Kick and Rush nicht, wie Zeyringer meint, die angestammte Art der Engländer ist, nach vorne zu pflügen, sondern eine präzise Reaktion auf Statistiken über Tore und die ihnen vorangegangene, entsprechend geringe, Zahl von Ballkontakten. Klaus Zeyringer, Fußball. Eine Kulturgeschichte, Frankfurt: Fischer 2014

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