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Nationale Front

Das französische Kino? Komödien, erfolgreich und belanglos. Die französische Literatur? Die aufsehenerregendste Übersetzung der letzten Zeit ins Deutsche stammt von Elisabeth Edl und galt Flauberts „Madame Bovary“. Die französische Musik? Naja, ein paar Rapper. Die französische Philosophie? Altmaoisten wie Alain Badiou oder Jacques Rancière, denen der Kunstbetrieb in Treue verbunden ist, aber nur der Kunstbetrieb. Wenn es stimmt, dass die Kultur den ökonomischen, sozialen oder politischen Zustand eines Gemeinwesens entweder kompensieren oder ihn widerspiegeln kann, dann passiert momentan in Frankreich letzteres. Das Land darbt, in vielerlei Belangen. 1959, als die Nouvelle Vague alles aus den Angeln hob, was mit Film zu tun hatte, ergriff auch der bisherige Dokumentarfilmer Alain Resnais mit seinem Erstling „Hiroshima mon amour“ das Wort. Marguerite Duras, die die Franzosen in ihrer Höflichkeit mit S am Ende aussprechen, damit es nicht nach Ratte klingt, hatte das Drehbuch geschrieben. Ein strenges Werk, doch beim Wiedersehen heute fällt weniger der avantgardistische Elan auf als der Narzissmus, in dem eine Kultur um sich kreist. Die Liebesgeschichte einer Französin, die in Hiroshima einem Architekten aus Japan begegnet, hat allein aus ihrer Perspektive Euphorie und Trauer und versagtes Happy-End, die Jump Cuts passieren, um stets ihr Gesicht zu zeigen, und bei fortgeschrittenener Handlung wird der Mann immer mehr in eine Rolle gedrängt, die per Rückblende als diejenige eines deutschen Besatzungssoldaten manifest wird. Hiroshima verschmilzt mit der Provinzstadt Nevers, aus der die Frau kommt. In dieser Konstellation erschient es dann auch glaublich, dass Madame Duras erst während der Dreharbeiten Kenntnis davon bekam, dass Nevers, mit französischem Akzent ausgesprochen, auf Englisch niemals heißt. Man hatte es nicht nötig, mehr zu kennen als sich und seinen hochkulturellen Tellerrand. Die Mädchen wollten aussehen wie Juliette Greco, die Buben bald wie Serge Gainsbourg, das durfte genügen. 1978 hat Edward Said den Mechanismus, der bei Resnais den Japanern wiederfuhr, „Orientalismus“ genannt, die Konstruktion von Osten durch eine Wahrnehmung, deren Kolonialismus in alle Ewigkeit festgeschrieben scheint. Said hatte eingestandener Weise viel von Michel Foucault profitiert. Auch der war mit Leib und Seele Franzose, die Beispiele, die er in seinem epochemachenden „Les mots et les choses“ („Die Ordnung der Dinge“) anführt, stammen ausschließlich aus seiner Sprache. Doch die Welt konnte von ihm und seinen Kollegen vom Poststrukturalismus lernen, und plötzlich standen die Differenz, die Andersheit, die Mikrostrukturen der Macht und die Dispositive der Begrenztheit im Raum, Phänomene, die die Kultur, die sie ausgebildet hat, per Universalität zu bannen glaubte. Jetzt haben die französischen Begriffe die französische Kultur eingeholt. Und sie reagiert wie gehabt: mit Narzissmus und Nabelschau. Kampagnenplakat der Front National, Frankreich. (Detail, gesamtes Plakat hier) So sind sie also beleidigt, die Franzosen, und machen den Front National zur stärksten politischen Kraft im Lande. Der besteht nicht aus clownesken Wichtigtuern, wie es Nigel Farage oder Beppe Grillo sind, sondern aus strammen Rassisten und ressentimentgeladenen Grenzbewohnern. Vor einem Jahrhundert war es den Münchnern ähnlich ergangen, als ihre Folklore vom Weltbürgertum Berlins überholt worden war. Oswald Spengler schrieb damals an der Isar das Manifest der Zukurzgekommenen: Es war nicht weniger als ein Untergang, und es war nicht weniger als ein Abendland, die er glaubte, diagnostizieren zu müssen. In Frankreich, so scheint es, ist man auch gerade so drauf.

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