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Museum der Unschuld

Istanbul, die Stadt, in der er geboren wurde, aufwuchs und Pläne schmiedete, die scheiterten, die Stadt, in die er zurückkehrte nach einigen Jahren in New York, die Stadt, in der er zum Schriftsteller wurde und es Nobelpreis für Literatur brachte, diese Stadt, meint Orhan Pamuk in seinen „Erinnerungen an eine Stadt“, sei dem Verfall preisgegeben. Das hänge mit ihrem „Leiden an vergangener Herrlichkeit“ zusammen, und während alles vor sich hin bröckelt, blickt man übers Goldene Horn auf die Silhouette, die weltberühmte Reihe der Kuppeln und Minarette, und badet sich in Tristesse. „Hüzün“ nennt er die spezielle Versonnenheit der Istanbuler, eine Melancholie, die nicht zuletzt von eben der Weigerung kommt, melancholisch zu werden. Hüzün, sagt Pamuk in seinem Instanbul-Buch von 2003, ist „Ausdruck dessen, was die Stadt eigentlich ausmacht“. Eines der vielen Symptome der speziellen Unfähigkeit zu trauern ist für Pamuk der Mangel an Museen. Zwar gebe es jede Menge verschrobener Sammler, die es aber „nicht schaffen, ihre gehorteten Schätze in einem Museum unterzubringen“, und beginnen, „einsam und allein in einer mit Papier und Fotos vollgestopften Wohnung zu leben.“ Da tat Abhilfe not, und Pamuk hat sie selbst besorgt. Das der Biografie seiner Stadt folgende Werk ist „Museum der Unschuld“. Es erzählt, wie eben ein solches Archiv der Beiläufigkeiten zustande kommen könnte, in dem sich Erinnerungsstücke aus dem Alltag zu Allegorien eines gesellschaftlichen Zustands bündeln. Vor zwei Jahren ist daraus dann buchstäblicherweise ein Museum geworden, es liegt auf der Galata-Seite der Istanbuler Altstadt in Cukurcuma und liefert einen sozusagen normalen Betrieb. Jetzt ist es zum „Europäischen Museum 2014“ erklärt worden. Das Europäische Museumsforum, von dem man auch nur hört, wenn es den Jubilar des Jahres kürt, ist dafür verantwortlich. Alles ist ausgedacht an der Geschichte vom Museum der Unschuld, doch seine Dinge sind dann ganz gegenständlich. Gehandelt wird von Füsun, in deren Name nicht von ungefähr die ortsübliche Melancholie durchscheint, von der Liebe des Ich-Erzählers zu ihr, von ihrem Tod und der Lebensbewältigung, die dieser Kemal dadurch erreicht, dass er manisch Dinge an sich rafft, die mit Füsun zu tun hatten. Im Roman werden diese Dinge als konkret anwesend behandelt („...auf einem silbernen Tablett die hier ausgestellten Ringe hereintrug“). Tatsächlich streifte Pamuk durch die reichlich vorhandenen Kitsch-und Kunst-Depots der Stadt, sammelte ein und machte sie zu Bestandteilen seiner Geschichte. Fakt und Fiktion gehen ineinander über und setzen der Situation und der Stadt ein Denkmal. Dokument und Monument verschmelzen in bester postmoderner Sentimentalität. 1.744 Museen habe er in den vergangenen 15 Jahren besucht, erklärt Kemal im letzten der 83 Kapitel seiner Erzählung. Das Werk in Worten und Orten, in Sätzen und Plätzen ist also bestens abgezirkelt. Hier gibt es dann auch, ins Buch hineingedruckt, schon eine Eintrittskarte fürs damals noch als Gedankengebäude vorhandene Museum. Jetzt hat es sich dafür éingeschrieben in die Geschichte der Institutionen. Ob sein Name passt, sei dahingestellt. Pamuk exerziert durch, was viele alteingesessene Istanbuler genauso betreiben, und was er genau auf diesen Satz bringt: „Die vielen Menschen, um die Istanbul in den letzten fünfzig Jahren gewachsen ist, haben kaum dafür gesorgt, die Istanbuler Vorstellungswelt entscheidend über den Bosporus und den alten Stadtkern hinaus zu erweitern“ So gesehen ist das Museum der Unschuld auch eines der Ignoranz. www.masumiyetmuzesi.org

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