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Bowie in Berlin

Wenn die Briten an die letzte Metropole denken, die uneingeschränkt auch Weltstadt der Kultur war, an Berlin in den 20ern, dann denken sie nicht an Benjamin oder Bauhaus, an Fritz Lang oder Fritzi Massary (die ja beide Wiener waren), sondern sie denken an Christopher Isherwood, ihren Landsmann, dessen „Goodbye to Berlin“ dem Hollywood-Musical „Cabaret“ zum Vorbild diente. Isherwood ist einer der Kämpen des Camp, und so verwundert es schon zweimal nicht, dass dessen Haupt- und Staatsakteur David Bowie genauso dachte. Bei einem Konzert in Los Angeles lernte der Musiker den Literaten kennen, es war der Februar 1976, und kurze Zeit darauf ging Bowie nach Berlin. Die Adresse war Schöneberger Hauptstraße 155, nicht weit von jenem Rathaus, an dem Kennedy schon ein Berliner geworden war. Hier lebte er erst mit Iggy Pop zusammen, dann, als dieser im gleichen Haus drei Etagen weiter in den vierten Stock gezogen war, allein für insgesamt zwei Jahre. „A man lost in time near KaDeWe“, so erinnert er sich im letztjährigen Video- und Musikprojekt „Where Are We Now“, und wie er im „Dschungel“ saß, dem New Wave-Biotop, das 1978 in die Nürnberger Straße gleich ums Eck des Großkaufhauses gezogen war. Schlüssel zur Hauptstraße 155 in Berlin Schöneberg, Foto © The David Bowie Archive Eine Hausnummer wiederum weiter von seiner Wohnung lag eine der ersten Schwulenbars Berlins, die damals tatsächlich „Das andere Ufer“ hieß (und in Zeiten, da man sich auch als Homosexueller keinen Fehler mehr erlauben darf, in „Neues Ufer“ umbenannt wurde). Einen Block weiter gab es seit 1974 den Nachtclub „Chez Romy Haag“, dessen von Funk und Fernsehen durchaus bekannte Betreiberin Bowie zumindest eine Seelenverwandte wurde. Das „Exil“ schließlich, so benannt, weil sich in den 60ern einige Österreicher, die künstlerisch mit dem Gesetz in Konflikt geraten waren, hier zu einer Emigrantenpartie zusammentaten, warf sich am Paul-Lincke-Ufer in Kreuzberg in die Brust, es darf sich als Bowies Stammlokal rühmen. Später sollte der Meister dann in einem Berlin-Film mitspielen (seinen Gastauftritt in Uli Edels Drogen-Soap „Wir Kinder vom Bahnhof Zoo“ lassen wir hier beiseite). „Just a Gigolo“, 1978 gedreht, angelehnt an Erich Kästners „Fabian“, mit keinem anderen als „Blow Up“-Hauptdarsteller David Hemmings als Regisseur, sah dann die Zusammenarbeit mit der Berlin-Ikone schlechthin. Marlene Dietrich hatte hier ihre späteste Rolle, allein, die beiden Weltstars sollten einander niemals treffen – ihre Begegnung vollzog sich allein am Schneidetisch, die Diva hatte bekanntlich keine großen Antriebe zur wenn auch temporären Rückkehr in ihre Heimatstadt. Eine „Berlin-Trilogie“ an Platten ist hier entstanden, „Low“, „Heroes“ und „Lodger“. Ein wenig martialischer Kitsch musste auch sein, etwa wenn er in „Heroes“ die Situation aufruft, „standing by the wall/and the guns shot above our heads/and we kissed as though nothing could fall.“ Im Brücke-Museum fiel ihm, eine weitere Reminiszenz an Berlins große Zeit, ein Gemälde von Erich Heckel auf, „Roquairol“, ein Porträt nach einer Figur aus Jean Pauls „Titan“; in seiner Pose für „Heroes“ konnte Bowie es gut gebrauchen. Nun kehrt er, man darf sagen, triumphal zurück. Musealisiert und perfekt auf jenes Retro getrimmt, das ihm ohnedies viel verdankt, ist Bowie Motiv, Sujet und Thema einer umfassenden Ausstellung im Gropius-Bau. Sie eröffnet am heutigen Dienstag, es gibt einen Riesenhype, ich habe die Schau naturgemäß noch nicht gesehen, darf aber angesichts dessen, dass sie vom Victoria and Albert aus London übernommen wird, prophezeien, dass sie super sein wird. Der technische Aufwand lässt kein Auge trocken, und für den Rest an Material, die Musik, die Kleider, die Inszenierung, die Theatralik, steht dann der Meister gerade. Dass er in „Where Are We Now“ von einem „Potzdamer Platz“ singt und per eingeblendeten Lettern auch schreibt, wollen wir als Verwirrung verbuchen. Der Protz, an den er gemahnt, ist ohnedies neueren Datums. Den kannte Bowie von Berlin nicht. www.davidbowie-berlin.de

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