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Pixi

Kommt von oben eine Kiste geflogen. Untersuchen die beiden, die sie finden, was drin ist. Nimmt der eine ein Bild heraus, schaut es an und erläutert: „Mann, auf dem Kopf stehend“; worauf der andere meint: „Baselitz“. Fügt der eine hinzu: „Ein Ohr ist verbunden.“ Darauf der andere: „Umdrehen, van Gogh.“ Kein Zweifel, bei einem Dialog wie dem obigen befinden wir uns in einer Kinderbuchreihe. Was heißt, in einer, in der Kinderbuchreihe schlechthin, und sie ist jetzt genau sechzig Jahre alt geworden. Am 29. April 1954 übernahm der Hamburger Carlsen Verlag die „Kitten Tales“ der englischen Autorin Miriam Dixon, machte ein „Miezekatzen“ daraus und fügte es zum ersten Band der bis heute auf über 2.000 Titel ausgewachsenen Pixi-Bücher. Über 450 Millionen Exemplare haben sich verkauft, Pixi ist das erfolgreichste, was sich der Buchmarkt an publizistischer Logik überhaupt ausgedacht hat. Die Heftchen passen mit ihrer stets zehn auf zehn Zentimeter im Format und 24 Seiten im Umfang messenden Erscheinung in jedes elterliche Behältnis. Mit ihrem Preis von jetzt 99 Euro-Cent sind sie eine der wohlfeilsten Möglichkeiten, Quengeleien im Keim zu ersticken oder jedenfalls etwas zum Mitbringen bei sich zu haben. Wer hätte nicht mit Pixi seine Sozialisation erfahren. Es gab Petzi, den Carlsen schon im Jahr 1953 aus Dänemark importierte, zunächst im Quart-Format veröffentlichte und ihn dann mit seinen Kumpanen von der Mary auch ins Weniger-als-Oktav fügte. Es gab Conni, die 1992 entdeckte Göre fürs ökologische Bewusstsein, der man beibrachte, wie man Tiere füttert oder Pizza bäckt, und deren Mutter mit ihrem roten Bubikopf und den gern einmal zwei verschiedenen Ohrgehängen sehr zukunftsträchtig die Prenzlauer Berg-Zeitgenossenschaft verkörperte. Es gab die biblischen Geschichten und die Märchen nach den Brüdern Grimm, und es gab immer wieder wunderbare Trouvaillen an Einzelbänden. Peter Schössows „Noch ist alles drin“, aus der die Anekdote mit dem Gemälde stammt, ist so ein Einzelband. Natürlich wird nicht vorausgesetzt, dass die infantile Leser- und Betrachterschaft der Pixi-Reihe Baselitz von van Gogh unterscheiden kann, doch erstens leben wir im Zeitalter von Pop, in der es immer zur U- eine E-Rezeption gibt, und zweitens kann es nicht schaden, die Elternschaft bei Laune zu halten, indem man ihre gehörige Kompetenz anruft. Die Elternschaft ist schließlich für die Erweiterungen der Sozialisation zuständig, zu der die einzelnen Bände, wie es sich für Kinderbücher gehört, einen ersten Anstoß geben. Noch ein Favorit: Jonas Kötz illustriert eine Geschichte von Franz Fühmann, dem Ost-Berliner Schriftsteller, der sich „Am Schneesee“ ausgedacht hat. Dort lebt eine märchenhafte Gestalt, die hat Schmerzen am Fuß, bekommt eine Arznei angeboten, und es ergibt sich also ein spezielles Präparat: der „Schneeseekleerehfeedrehzehwehtee.“ Peter Schössow hat auch „Meehr!!“ geschrieben und gezeichnet, die unerhörte Begebenheit von dem Spaziergänger, der von einer Windböe in die Luft getragen wird, übers Land fliegt, am Himmel allerlei Bekanntschaften macht, sanft zurückbefördert wird auf die Erde, worauf ihm nur einfällt, was im Titel steht: Mehr. Genau das bleibt uns zum Geburtstag von Pixi auch zu wünschen.

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