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Gegen den Tod

Auch eine Karfreitagspredigt: „Der Tod enthält kein Leben, er schlägt nicht in Leben um. Er ist eindeutig, unfruchtbar und durch nichts zu bereden. Das niedere Leben ist nicht auf Tod angelegt, es führt nicht auf ihn. Der Tod ist vorläufig noch nur eine Eigenschaft alles höheren Lebens. Demnach gäbe es zweierlei verschiedenes Leben, unsterbliches und sterbliches, das niedere aber ist das unsterbliche, und nicht umgekehrt.“ Es ist diese Art von Andersdenkerei, die Elias Canetti für mich zum steten Wegbegleiter durch alle Hinfälligkeiten des Daseins prädestiniert. Nur für Lebewesen, die außerhalb der Reflexion existieren, gibt es Unsterblichkeit, sagt er, wir Menschen hingegen sind eben die sterblichen Tiere, um deren Erkenntnis keine Religion herumführt. Im Jahr 1969 hat Canetti die eingangs zitierten Gedanken zu Papier gebracht. Er hat sich sein Leben lang an der Vergänglichkeit abgearbeitet, obsessiv, theatralisch, verzweifelt: „Ich komme allmählich darauf, daß nichts vulgärer, banaler, trivialer, demagogischer ist als mein Kampf gegen den Tod. Ich habe begonnen, mich dafür zu schämen, führe ihn aber unverdrossen weiter“ schreibt er 1992, zwei Jahre vor dem Tod, dem auch er nicht entkam. Jetzt ist seine Sisyphusarbeit gegen das Verstummen in einer wunderbar „Das Buch gegen den Tod“ benannten Anthologie zusammengefasst nachzulesen. „Ich anerkenne keinen Tod“, ist die vielleicht berühmteste Sentenz zum Thema, zum ersten Mal formuliert 1948 und von da an stete Begleiterin seines literarischen Räsonnierens. „Ich anerkenne keinen Tod“ ist dabei auf dem dritten Wort zu betonen, keinen einzigen der vielen Tode, die permanent gestorben werden, ist er bereit zu akzeptieren, und wenn man die Hingabe nachliest, mit der er die Rekonvaleszenz einer Fliege, die seiner Schreibtischlampe zu nahe gekommen war, schildert, sieht man, was ein Querkopf ist. Canetti hat die Menge Mensch nicht als Schwarmintelligenz bejubelt (auch wenn er über die Ameise, dieses für ihn niedrige Leben, das ein Anrecht darauf hat, vielfach nachdenkt), sondern in ihrer Masse und ihrer Macht gefürchtet. Canetti beschreibt das „Friedhofsgefühl“, jene grandiose Genugtuung derer, die stehen, gegenüber denen, die liegen, und wie man sich vorstellen kann, hat das mit Moral eher wenig zu tun. Und Canetti hat überhaupt seine Zweifel an den Glücksverheißungen der Religion: Wenn schon, schreibt er, wäre er gern Australier, denn gegenüber den „Traumzeit“-Vorstellungen der Ureinwohner „ist seither nichts dazugekommen; es ist nur weggenommen worden.“ Canettis Windmühlenkampf gegen das Unvermeidliche, hat einen Fokus, den er nicht benennt: Sein Überleben als Jude in London. 1942 beginnen seine Aufzeichnungen; und von 1953 gibt es die folgende, die Erfahrung jedenfalls streifende Notiz: „Ich denke mir: Tut dies, tut jenes, tut, was euch Freude macht, wenn ihr nur lebt... - ich erwarte nichts, ich will nichts, nur das eine: daß ihr lebt.“ Hier noch ein Gruß, aufgeschrieben im Jahr 1990, an die Stadt, in der er nicht geboren, aber erwachsen wurde und in der sein Jahrhundertroman „Die Blendung“ spielt: „Als ich nach dem Krieg zum erstenmal wieder nach Wien kam, saß ich oben im Autobus zwei erwachsenen Männern gegenüber, die mich musterten. 'G.K.T.' sagte der eine, der andere nickte. Später fragte ich einen Bekannten, was das bedeute. 'Das wissen Sie nicht?' sagte er, ganz verwundert. 'Das heißt Gaskammer-Tachinierer und bedeutet Saujud.'“ Elias Canetti, Das Buch gegen den Tod, München: Hanser 2014

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1 Posting in diesem Forum
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bh | 18.04.2014 11:07 | antworten
es sollte mehr canetti gelesen werden. ich sollte mehr cantti lesen.

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