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Sentimentalischer Nepotismus

Lothar Franz von Schönborn war seit 1695 Erzbischof von Mainz. In dieser Eigenschaft kam er zu erklecklichem Reichtum, denn er war einer der Kurfürsten bei der Kaiserwahl, und sein Votum für das Haus Habsburg ließ er sich umgehend vergüten. Lothar Franz war auch reich an Neffen. Sein Bruder Melchior Friedrich brachte insgesamt fünf Söhne in die fränkische Sippschaft ein, deren vier es ihrerseits zu Bischöfen, Erzbischöfen und Reichsvizekanzlern brachten (warum nicht alle fünf? Richtig: Einer musste für legitime Nachkommen sorgen). Lothar Franz war an der Karriere seiner Kinder zweiten Grades nicht gerade unbeteiligt. Es gibt einen präzisen Begriff für diese Beteiligtheit: Nepotismus. Nun muss dieser Mechanismus nicht besagen, dass da ausschließlich Ignoranten und Versager ans Ruder kamen, im Gegenteil: Alle großen Männer waren irgendwie Neffen. Friedrich Karl von Schönborn zum Beispiel, dem Wien unter anderem ein Gartenpalais und das Volkskundemuseum ein Domizil verdanken, war, wie er es nannte, vom "Bauwurmb" befallen, er gab die Würzburger Residenz in Auftrag und brachte damit auf den Weg, dass Balthasar Neumann zum größten Architekten der Kunstgeschichte wurde. Man darf den Neffen durchaus ihr Können gönnen. Und doch sind sie Neffen. Der Nepotismus ist mit den Päpsten groß geworden und mit Würdenträgern wie den Schönborn feist, und er war eine Folge des Zölibats. In Österreich, dem kleinen Land mit seinen großen Familien und den ungebrochen katholischen Sitten, feiert er jetzt glückliche Urständ. Auf dem Weg hierher hat er sich nur ein klein wenig verändert. Man könnte sagen, dass er nicht mehr naiv ist wie früher, sondern sentimentalisch. Er rankt sich nicht mehr um den eigenen Stammbaum, sondern betrifft in einer Art umgedrehter Sippenhaftung den Clan des innerparteilichen Gegners. Man macht den Konkurrenten unschädlich, indem man seinen Neffen engagiert. Aber das Patriarchalische und das Machtvollkommene und der Eindruck, dass hier ein Element des Unkontrollierbaren im Spiel ist, haben sich bestens erhalten. Es hat sich noch eine zweite Form von Nepotismus in Österreich entwickelt, die man am prägnantesten Sororismus nennen müsste. Statt über Neffen legt sich dieser Mechanismus über Schwestern. Er ist historisch gesehen neueren Datums, denn Schwestern sind Frauen. Melchior Friedrich von Schönborn hatte übrigens zu seinen fünf Söhnen nicht weniger als sieben Töchter. Keine von ihnen ging ins Kloster, alle wurden verheiratet. So kamen zusätzliche Pfründe über die Schwiegersöhne herein. Wie man hört, wird diesbezüglich auch in Österreich schon gründlich nachgedacht.

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