Werbung
,

Meister und Mann, Muse und Mutter

Gabriele Münter war Wassily Kandinskys Lebensgefährtin seit 1902, als er in der Münchner „Phalanx“-Schule ihr Lehrer wurde. Frauen waren an der Akademie erst ab 1920 zugelassen, wie es hieß, um die Aktklassen nicht zu verwirren, so blieben ihnen nur private Institute, und Kandinsky zögerte nicht, daraus Gewinn zu ziehen. Die Entschiedenheit, mit der Kandinsky fortan seinen Status als Meister und Mann ihr gegenüber verfocht, hat der Künstlerin wenig Spielraum gelassen, so dass sie sich in die Rolle der Chronistin fügte. Gabriele Münters Bilder sind bei aller Selbständigkeit und Zupackendheit speziell des Kolorits immer auch Hommagen, Tribute an die Persönlichkeit der Dargestellten, die wichtiger erscheinen als die Darstellung selber. Das Heteronome bleibt gegenüber dem Autonomen im Vordergrund. Gabriele Münter ist dennoch neben Paula Modersohn-Becker die große Künstlerinnenfigur der deutschen Moderne nach 1900. Anders als die Kollegin im Norden aber hatte sie nicht den Begleiter, ihr Potenzial auch auszuschöpfen. Eine vergleichbar mit weiblicher Frustration endende Geschichte wie bei Gabriele Münter und Wassily Kandinsky ereignete sich zwischen Alexej von Jawlensky und Marianne von Werefkin. Die beiden Paare wurden die treibenden Kräfte in der „Neuen Münchner Künstlervereinigung“, wie sie sich 1909 konstituierte. Davor schon war die Zusammenarbeit durchaus intensiv, Kandinsky und Jawlensky hatten sich bereits im Jahr 1896, als sie ganz unabhängig voneinander nach München gekommen waren, in der Malschule des Anton Azbe kennengelernt. Eine kleine russische Kolonie war entstanden. Nachdem das erste Vorzeigepärchen der deutschen Avantgarde schon längst, und auch gegenwärtig, ihr Wesen treibt im Ausstellungsbetrieb, sind momentan Jawlensky und Werfekin an der Reihe. Ersterer wird im Museum Wiesbaden, das die weltweit größten Bestände Jawlenskys hortet, mit einer Retrospektive bedacht, in Chemnitz schließt sich die Sammlung Gunzenhauser an, die Nummer drei diesbezüglich. An einem rechten Nebenschauplatz, in der Städtischen Galerie Bietigheim-Bissingen, zeigt man separat Werefkin (die Schau geht dann, siehe oben, ans Modersohn Becker Haus in Bremen). Unfreiwillg steht Jawlensky am Beginn der größten Aktion der deutschen Avantgarde. Er war es, der im November 1911 für die Ausjurierung von Kandinsky bei der dritten Gruppenschau der „Künstlervereinigung“ sorgte; das Werk, ausgerechnet ein Aquarell, sei zu groß, wurde argumentiert. Kandinsky war selbstverständlich beleidigt, arrangierte um und setzte sich drei Räume weiter an die Spitze einer Gruppenschau, die als „Blauer Reiter“ in die Kunsgeschichte eingegangen ist. Jawlensky war da natürlich nicht dabei, im Almanach indes, der im Mai 1912 erschien, ist er immerhin schon kurz erwähnt. Als die Ausstellung nach Berlin in die „Sturm“-Galerie Herwarth Waldens ging, war Jawlensky wieder ganz mit von der Partie. Die schnelle Versöhnung ist bemerkenswert in einer Zeit, da zwischen zwei Tischen im Stammlokal oftmals eine jahrelange Kommunikationssperre gebaut war. Die Herren machten die Sache jedenfalls unter sich aus. Marianne Werefkin, Rote Stadt, 1909 Den bald folgenden Weltkrieg, der sie zwang, München nach knapp 20 Jahren zu verlassen, konnten Jawlensky und Werefkin in der Schweiz verbringen. 1917 kam es dann zur endgültigen, einmal mehr für die Frau schmerzhafteren Trennung. Marianne von Werefkin hatte ihre eigene Kunst immer wieder hintangestellt, um sich in die weibliche Rolle zu fügen und für Jawlensky Muse und Mutter zu spielen. Auch wenn die Avantgarde keinen Stein auf dem anderen beließ – Männersache durfte sie schon bleiben. www.museum-wiesbaden.de www.kunstsammlungen-chemnitz.de galerie.bietigheim-bissingen.de

Ihre Meinung

Noch kein Posting in diesem Forum

Das artmagazine bietet allen LeserInnen die Möglichkeit, ihre Meinung zu Artikeln, Ausstellungen und Themen abzugeben. Das artmagazine übernimmt keine Verantwortung für den Inhalt der abgegebenen Meinungen, behält sich aber vor, Beiträge die gegen geltendes Recht verstoßen oder grob unsachlich oder moralisch bedenklich sind, nach eigenem Ermessen zu löschen.

© 2000 - 2022 artmagazine Kunst-Informationsgesellschaft m.b.H.

Bezahlte Anzeige
Bezahlte Anzeige
Bezahlte Anzeige
Gefördert durch: