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Reisenotizen

Goethe und die bildende Kunst: Des Haupt- und Staatsdenkers Beitrag zum Thema ist bekanntermaßen ein wenig prekär. Als Klassizist hielt er die Antiken, deretwegen er nach Rom gekommen war, für griechisch; als Kunstpolitiker stellte er seine Weimarer „Preisaufgaben“, um ob der Einsendungen nur Schund und Schade zu ernten; als Kritiker gab er zu Protokoll, Caspar David Friedrichs Bilder könnte man ebenso gut auf dem Kopf stehend ansehen; und als Praktiker sind seine Zeichnungen, nun ja, das, was sie sind. Seine bleibendste Leistung auf dem Gebiet hat er mit Schiller zusammen bewerkstelligt. Er hat der Aristokratie die Liebhaberei ausgetrieben und mit ihr die ästhetische Grundlage des Einfach-Drauf-Los-Gewerkes, die Kategorie des Geschmacks, des Gout, der definiert wurde von denen, die auch politisch den Ton angeben, eben dem Adel. „Über den Dilettantismus“ haben die beiden Klassiker genörgelt, der Text blieb eine Stoffsammlung aus dem Jahr 1799, doch das reichte, um der bis dahin positiv bemerkten interesselosen Hingabe die Schlagseite ins Unprofessionelle, Naive, eben Dilettantische zu versetzen. Der Dilettant „scheut allemal das Gründliche, überspringt die Erlernung notwendiger Kenntnisse um zur Ausübung zu gelangen“: Doch was soll er tun, auf seinen Reisen, um Eindrücke festzuhalten und Stimmungen einzufangen, wenn er keinen Fotoapparat dabei hat? Er skizziert, und so stellt man ihn sich vor, Goethe selber, die Zunge zwischen die Zähne geklemmt, sein Handwerkszeug vor sich auf dem Boden, sitzend oder kauernd, ganz Hingabe - die Einzelmotive fest konturierend, damit sie nur ja haften auf dem Blatt, links eine Vertikale, rechts auch eine, Altarschema, damit alles seinen Rahmen hat. Er hat das Gründliche übersprungen, und obwohl er seine fünfzig Jahre lang zu Werke ging, ist nichts besser geworden an seiner Zeichnerei. Johann Wolfgang von Goethe, Palatin in Rom, 1787 Im hessischen Bad Homburg hat die Kulturstiftung des weiland Chemie-Konzerns Altana ihren Sitz, sie widmet sich bevorzugt dem Thema Natur, hat in dem Haus, wo der Hölderlin-Freund Isaak von Sinclair daheim war, ihr Ausstellungsforum und präsentiert gerade eine Schau mit einem im Grunde wunderbaren Konzept. Goethe, der Frankfurter, wird wieder auf Reisen geschickt, man sammelt seine Zeichnungen ein, wie sie im Harz und in Rom, in der Schweiz und in Thüringen entstanden sind. Dann schickt man Barbara Klemm hinterher, jahrzehntelang Redaktionsfotografin der Frankfurter Allgemeinen, dass sie die Motive und die Orte aufsuche und auf ihre Weise festhalte: eben mit der Kamera. Barbara Klemm ist zurecht berühmt als Menschenbildnerin. Sie war an den Brennpunkten des Weltgeschehens, und so hat sie etwa Willy Brandt fotografiert, wie er, umgeben von Dolmetschern und Beratern, sich mit Leonid Breschnew, umgeben von Dolmetschern und Beratern, bespricht; Hauptmotiv indes sind die Wein- und Schnapsgläser, und man lernt ganz beiläufig, wie Politik einst offenbar funktionierte. Man kennt diese Bilder, sie gehören zum kollektiven Gedächtnis. Barbara Klemm, Palatin, Rom, 2013 Auf ihrem Weg in den Fußstapfen Goethes hat sie jetzt allerdings, dem Vor-Gänger getreu, Landschaften ins Szene gesetzt. Und hier hat sie ihrerseits das Gründliche übersprungen. Es ist zu viel drauf auf den Bildern, ein Horror Vacui hält sie am Wickel, keine Konzentration aufs Motiv, dafür ein Allüberall von Kleinigkeiten. Wenn es einmal gelingt, etwas bildfüllend zu erfassen, so die Cestius-Pyramide, dann wartet die Fotografin, bis nur ja die Wolken zerfranst und dramatisch hingetupft erscheinen, dass wieder sich alles im Gemenge verliert. Diese Fotos sind nicht gut: Auf allzu mimetische Art haben sie sich dem Vor-Bild angenähert. www.altana-kulturstiftung.de

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