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Kunst Sammeln in Österreich

Nicht, dass Kunstsammlungen ausgeblieben wären in Österreich. 2005 hat das Wiener MUMOK zehn von ihnen ausführlich dargestellt und ihnen im Katalog jeweils ein Kapitel gegönnt, in dem ihre Besitzer etwa folgendermaßen räsonnierten: „Kein Interesse hat er an einem eigenen Museum“ oder „er überlegt, ob und in welcher Form er seine Kollektion später öffentlich zugänglich machen wird“. In diesem Sinn sind gerade in letzter Zeit Musterkollektionen entstanden oder jedenfalls auffällig geworden, Liaunig in Kärnten, Angerlehner in Oberösterreich, und sie scheinen in der Tat das große Vorrecht des Privaten gegenüber dem Öffentlichen auszuleben: sich täuschen zu dürfen, Idiosynkrasien zu pflegen, gnadenlos auf den persönlichen Aristokratismus zu pochen, einen Geschmack zu haben. Ist das aber tatsächlich so? Bemerkenswert jedenfalls, wie sie auf die nationale, wenn nicht sogar regionale Karte setzen und die Produktion der Gegenwart ganz auf die Provenienz beziehen, die nicht weiter geht als der Tellerrand. So als hätten sie von der Republik und ihrer politischen Prominenz einen Auftrag dazu erhalten. Dass es einen Unterschied gibt zwischen öffentlichen Orten, an denen mit öffentlichen Geldern öffentlicher Besitz zusammengetragen wird, und solchen Orten, an denen ein Privatvergnügen sich die privaten Obsessionen privater Zuteilung privat definierten Wertes leistet, wird dabei gerade verschliffen (die Kollektionen Ernst Ploils und des Ehepaares Bogner seien von dieser Beobachtung explizit ausgenommen, nicht von ungefähr sind gerade sie diejenigen, die den Museen am attraktivsten erscheinen). So kommt eine Debatte zustande, die außerhalb Österreichs völlig absurd erscheinen mag. Der Staat steht in der Diskussion als Agent einer Übernahme der Sammlung Essl. Die ist nicht minder der konzertierten Aktion auf „Österreichische Kunst“ verhaftet, auch wenn sie, berühmt für den Mangel an Urteilsfähigkeit und jedenfalls anfangs auf Ladenhüter abonniert, später dann, in der Self-Fulfilling Prophecy des Dabeisein-ist-Alles, Repräsentativeres bekam und sich schließlich internationalisierte. Die Debatte jedoch, wie sie die letzten Tage ablief, zielte auf das Nationale ab und war sich nicht zu schade, prekäre Begriffe wie „Bildungsauftrag“, „Verpflichtung“ oder gar „Rettung“ aufzuwerfen. Dass sich die Sache jetzt seltsam in Wohlgefallen aufgelöst hat, tut der gelinden Absurdität keinen Abbruch. Das Naheverhältnis von Staat und Kunst in Österreich ist oft problematisiert worden. Nicht nur die Schriftsteller nagen daran, die Theatermacher oder die bildenden Künstler. Es gibt noch eine Spezies, und man darf feststellen, dass es sie eigentlich nicht gibt. Letztlich ist die Geschichte mit der fehlenden Sammlerkultur in Österreich so alt wie die zweite Republik. Wien als Kapitale, die auf einem kleinen Land hockt und mit seinen typischen Mentalitäten einer Residenzstadt jede im guten Sinne bourgeois motivierte Privatinitative am liebsten hemmt; der Staat, dessen (national-)sozialistische Prägungen das Kollektive immer wieder vor dem Individuellen bevorzugen; und insgesamt eine Geschichte, die die Traditionen bürgerlichen Sammelns, wie es sie zu Zeiten von Klimt-Schiele-Kokoschka in aller Wirkmächtigkeit gab, der Shoa überantwortet hat: Sie halten die Identitäten nach wie vor am Wickel. Und so geben sich die Privaten in aller Überzeugt- und Überzogenheit öffentlich-rechtlich. Damit verfehlen sie ihre Raison d'Etre. Im Grunde hat sich seit 1945 nichts geändert.

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