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Manifesta

Stay calm. Nachdem sich der Direktor der Eremitage und die Chefin der Dachorganisation haben vernehmen lassen, nachdem die Seiten mit Namen von Künstlern gespickt wurden und der leitende Kurator sein Konzept vorgestellt hat, gibt es auf dem offiziellen Papier, das die Pressekonferenz vom heutigen Dienstag zur nächsten, der zehnten Manifesta begleitet, noch ein Statement von Kasper König. Dass die an wechselnden Orten gegebene Biennale wie geplant in Sankt Petersburg stattfinden wird, ist ja schon vielfältig dargelegt, und so kann die einzige, die auf neun engbedruckten Seiten einzige Erwähnung der „escalating crisis“ erfolgen. Kasper König ist „very concerned“. Doch seine in der Tat langjährige Erfahrung sagt ihm „to stay calm and continue to work“. Crisis? What Crisis? Alles vielmehr ganz harmlos. Gegenwartskunst ist, für diese Versicherung wird jede Menge an Formulierungen auf dem Paper bemüht, sowieso und überhaupt engagiert und kritisch und sensibel. „Complexity and contradiction“, sagt König, Robert Venturi aufgreifend, eh schon wissen, man bleibt unter sich in seiner Wissendheit. Darunter tut man es doch nicht. Beuys ist dabei, der Basis-Demokrat, Francis Alÿs, der sich um der Kunst willen in Mexiko der Lebensgefahr ausgesetzt hat, Marlene Dumas, die zuverlässige Lieferantin aller Opfer-Darstellungen des Universums. Was interessiert da der Umstand und Zustand, in dem sich der Rest jenes Areals befindet, in dem die Eremitage steht. Pavel Pepperstein ist mit von der Partie. Der hat gerade Putin seine uneingeschränkte Solidarität erklärt und dabei, Künstler neigen zur Verwegenheit, über die Möglichkeit eines Nuklearkriegs räsoniert. Aber alles ganz im Sinn des kritischen Engagements der Gegenwartskunst. Nichts Politisches. Francis Alÿs, Entwurf für das Lada Projekt. Collage mit Blattgold, 11.5 x 13 cm. Courtesy of the artist. Im übrigen ist Heuchelei nun wirklich kein Privileg des Kunstbetriebs. Subvention und Subversion reimen sich schon länger. Vor zwei Jahrzehnten tauchte, vom „Diskurs“ beflügelt, die Idee auf, dass es immer auch anders sein könnte, dass es keine fixen Sicherheiten und festen Garantien gibt - dass die Welt, mit einem Wort, der Kontingenz ausgeliefert ist. Der Kunstbetrieb, um keine Strategie verlegen, machte aus der Tatsache, dass alles angekränkelt ist von Alterität, eine Absichtserklärung. Dissidenz war das Zauberwort, die Andersheit war gewollt. Entsprechend will man es auch jetzt anders als womöglich einige im Westen. Und auch zum Westen gibt es bekanntlich eine Alternative. Langsam aber sicher geht einem die in der Tat überbordende Fähigkeit des Kunstbetriebs, sich die Dinge zurecht zu reden, auf die Nerven. Spätestens mit dem Wiener Aktionismus konnte ganz buchstäblich – sit venia verbo – der Scheißdreck in die Wichtigkeit und Bedeutendheit und epochale Signifikanz hineininterpretiert werden. Heute geht das in jedem übertragenen, metaphorischen und metonymischen Sinn. Gern auch auf Pressekonferenzen. Als politische Veranstaltung ist die Manifesta natürlich zu unwichtig, um sich über diese Reverenz an Putinistan aufzuregen. Es ist nur, sagen wir, symbolisch: Wie lächerlich will sich der Kunstbetrieb noch machen? manifesta10.org (Zur Manifesta ist am 24.07.2014 ein weiterer Blogbeitrag von Rainer Metzger erschienen)

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