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JR

Denn da ist keine Stelle, die dich nicht sieht. 1.000 Augen fixieren die Stadt; großflächig, dass man sie von Weitem schon gewahrt, halten sie stand, skeptisch, traurig, freudig bisweilen und in ihrem Leuchten und ihrer Geradheit erinnern sie fast an Picasso. Doch sie gehören zu Frauen, und spätestens jetzt gilt es lacanianisch gestählt nicht von Augen, sondern von Blicken zu reden. Eine Inversion findet statt, das Feminine macht sich geltend, das Subalterne, das Viktimisierte, ein Pool an Qualitäten, die seit der Postmoderne im Schwange sind. Tatsächlich gehören die Augen zu Bewohnerinnen sehr ärmlicher Gegenden, die Hügel, an denen sie zu sehen sind, sind vollgefüllt mit improvisierten Behausungen, die jederzeit verschwinden können, wenn ein tropischer Sturm das Gelände erfasst. Die Stadt ist Rio, die Situation Favela und der Ort eine davon, der Morro da Providencia, eher im Norden der Metropole beheimatet, dort, wo Ipanema und Copacabana gerade nicht liegen. So blicken sie nun hinunter, die Augen, auf die Ebene, ans Ufer, und dort wohnen die Reichen. JR, Women Are Heroes, Rio de Janeiro, Brazil, 2008-2009, © JR, 2013 Ein französischer Street Art-Pionier, der sich branchenüblich hinter einem PIN verbirgt, hat den Augen Werkcharakter verliehen. JR, so nennt er sich, war im Jahr 2008 vor Ort, um milieugetreu die Einwohnerinnenschaft aufzunehmen und ihre aufs Augenpaar konzentrierten Konterfeis den Hütten zu applizieren, in denen sie lebt. „Women Are Heroes“ heißt die Arbeit, ohne Artikel, und irgendwie sind in diesem Titel gleich alle Frauen ins Heldentum mit aufgenommen. JR wiederum ist mit seiner Intervention in eine der momentan aktuellsten Darstellungen zur Lage der Großstadt in der Gegenwart aufgenommen worden, in Leo Hollis' letztes Jahr erschienenem „Cities Are Good For You“. Es gehört zu der neuen Sorte von Büchern zum Urbanen, die weniger die Unwirtlichkeit der Städte als ihre Chancen herausstellen. Auch bei Hollis ist die Schwarmintelligenz das Einfallstor der guten Hoffnung, und im Kapitel „Inside the Beehive“ wird JRs Projekt entsprechend vorgestellt und gewürdigt: als „graphic manifestation of how life on the streets itself cannot be ignored“. Dass der Kunstbetrieb seinerseits die Street Art nicht ignorieren kann, lässt sich schon länger feststellen. Und so erfährt JR ausgerechnet im Museum des Privatsammlers Frieder Burda ausgerechnet im Reichenghetto Baden-Baden im Moment so etwas wie eine Retrospektive. „Women Are Heroes“ hat darin selbstverständlich einen zentralen Platz. In eben den Wochen, als JR seine Augen verteilte, widerfuhr einige Kilometer Richtung Südosten einer anderen Favela eine andere Intervention. Santa Marta, so heißt die Ansiedlung, bekam Besuch von einigen Hundertschaften der UPP, der Unidade de Policia Pacificadora, deren friedensbringende Tätigkeit im durchaus martialischen Durchkämmen der Elendsbezirke besteht, um sie auf den Pfad der Gesetzeskonformität zu befördern. Wie immer bei derlei Zwangsbeglückungen ist ein Stück Unglück mit im Spiel, doch haben die Bewohner, wenn sie bleiben konnten, Legalität gewonnen, Besitzrechte und so etwas wie Bürgerschaft. Santa Marta war jene Ansammlung von Hütten, die Michael Jackson 1996 durchstreifte, um „They Don't Care About Us“ aufzunehmen. Damit war der Weg gebahnt für ein Verfahren, das man eher von anderen, wohlhabenderen Teilen der Welt kennt. Natürlich ist es dann kein Zufall, wenn im Jahr 2008 gleichzeitig die Befriedungspolizei und JR anrücken; und natürlich wird JR, ob er will oder nicht, Instanz in dem sehr gewollten Prozess einer Aufwertung. Wir nennen es Gentrification. Die Street Art ist, wie sollte es anders sein, Bestandteil davon. Seit 2010 ist die UPP nun auch in Providencia.

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