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Glokalisierung

Jeder Epoche ist ein bestimmendes Begriffspaar verschrieben, in dem sich die Gegensätze der Zeit bündeln lassen. Es sind zwei Punkte, die eine Interferenzzone markieren, zwei Pole, zwischen denen das Denken und die Möglichkeiten, die das Denken aufschließt, hin und her changieren. Charakteristisch dabei ist, dass die jeweilige Epoche sich nicht endgültig zwischen ihnen entscheiden kann. Das 18. Jahrhundert, die Zeit von Gullivers Reisen und Candide, bewegte sich zwischen den Polen absolut versus relativ, während das 19. Jahrhundert, die hohe Phase des Historismus, nach einer Lösung zwischen den Prinzipien geschichtlich versus aktuell suchte. Das frühere 20. Jahrhundert, die für klassisch erklärte Moderne, in der sich die Bewegungen tummelten und die Führer, machte sich einen Reim auf die Frage kollektiv versus individuell. Unsere Gegenwart schließlich, die die Moderne in ein Danach hineinträgt, fragt nach den Chancen von entdifferenziert versus ausdifferenziert. Vor vier Jahren habe ich mir an dieser Stelle erlaubt, die Olympischen Spiele, die gerade in Vancouver zu Ende gegangen waren, auf diesen Leitgegensatz hin zu befragen. Ich darf mich selber zitieren: „Was haben wir gelernt aus diesen vierzehn Tagen: Dass die Welt sich nach wie vor in einem Mechanismus befangen sieht, der zwischen Aus- und Entdifferenzierung schwankt. Hier eine kleine Liste, wie es bisher zuging in den Medaillenspiegeln der Winterspiele: In Calgary 1988 sind die 46 Goldmedaillen, die es gab, an 11 Nationen gegangen, 1992 in Albertville die 57 an 14 Nationen, 1994 in Lillehammer deren 61 ebenfalls an 14 Nationen; 1998 in Nagano verteilten sich 69 Goldmedaillen auf 15 Länder, 2002 in Salt Lake City deren 80 auf 18 und 2006 in Turin 84 Goldmedaillen ebenfalls auf 18 Nationen. Jetzt, in Vancouver, werden 86 Goldmedaillen an 19 Nationen gehen. Es werden mehr Länder, vor allem aber werden es mehr Plaketten. Letztlich ist es doch, bei allem Anschein von Polyphonie, eher ein Konzentrierungs- als ein Diversifizierungsprozess. Der Kapitalismus zeigt einmal mehr, wie er so drauf ist.“ Jetzt, wo die Veranstaltung in Sotchi vorbei ist, lässt sich die Liste verlängern, und man darf sagen, dass die Logik unverdrossen die alte ist. Die diesmal 98 Goldmedaillen haben sich auf 21 Länder verteilt, und wie es aussieht, lässt sich der Mechanismus von Ent- und Ausdifferenzierung damit auch ein wenig genauer fassen. Es gibt noch mehr Disziplinen und noch mehr Gewinner, und alle dürfen sich gemeint fühlen. In Relation aber werden es weniger, die die Spitze besetzen. Eher ein Konzentrierungs- als ein Diversifizierungsprozess ist zu greifen, zumal deutlicher als jemals zuvor bemerkbar wurde, dass die Konzentrierung sich einer weiteren Konzentrierung verdankt. Die Niederländer haben, in bemerkenswerter Fokussierung aufs Eigene und Eigentliche, ihre Siege einer einzigen Sportart zu verdanken, bei den Österreichern sind es die obligatorischen Alpinen, die reüssieren, die Deutschen dürfen die Rodler bejubeln etc. Man lässt den anderen alles andere, die eigene Domäne indes besetzt man mit Messer und Klauen. Während der Eröffnungszeremonie der Winterspiele 2014 Sochi „Glocalisation“ hat der englische Geograf Eric Swingedouw die Art von Hybridbildung genannt, die sich hier geltend macht. Man setzt auf die Verschiedenheit des Lokalen, das aber mit den gleichgeschalteten Mitteln des Globalen. Wien propagiert sich mit dem Riesenrad, Berlin mit dem Brandenburger Tor, Paris mit dem Arc de Triomphe, doch die Fotos, die das Image in die Welt tragen, setzen auf die einschlägige Ästhetik der PR-Arbeit. Eine Entdifferenzierung in der Ausdifferenzierung: Der Kapitalismus zeigt, wie er so drauf ist.

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