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Anachronismus

Bei der Familie Feuerstein gibt es ein paar wunderbare Dinge, die das Steinzeitleben erleichtern. Fred fährt Auto, auch wenn er ihm mit seinen bloßen Füßen ein wenig Schwung verleihen muss. Die tägliche Arbeit im Steinbruch wird mit einem großdimensionierten Dinosaurierbagger erledigt. Allerdings kann sich auch ein ganz modernes Malheur ereignen, wenn man abends im Drive-In seine Spare Ribs bestellt und das Fahrzeug umkippt, weil die Rippchen in eben der Dinosaurierdimension daherkommen, die sich dem Klemmmechanismus an der Seitentür nicht fügen will. „The Flintstones“, so der Originaltitel der uramerikanischen Zeichentrickserie aus den frühen Sechzigern, bezieht einen Großteil seiner Situationskomik aus der Überlagerung von zweierlei Zeitkolorit, die nicht zueinander passen wollen. Bewusst eingesetzt ist der Anachronismus ein wunderbares rhetorisches und narratives Mittel. In den letzten Tagen hat sich das Feuilleton am neuen Roman von Martin Mosebach abgearbeitet. „Das Blutbuchenfest“ blendet zurück in die Jahre gleich nach 1990, als das große Schlachten am Balkan bevorstand. Der in der ersten Person vorgeführte Held der Geschichte ist ein Kunsthistoriker, der auf den Spuren von Ivan Mestrovic wandelt, des Bildhauers, dem sie im dalmatinischen Split ein großangelegtes Museum gewidmet haben. Doch vor aller Handlung bissen sich die Rezensenten an gewissen Unstimmigkeiten fest, die in der Tat das Zeug zu unfreiwilligen Anachronismen haben. Insgesamt 13 Mal, so rechnen Süddeutsche Zeitung und Der Standard parallel vor (und berufen sich auf die Frankfurter Allgemeine) habe Mosebach ein Handy bemüht, in der U-Bahn sei ein Laptop aufgeklappt worden, und insgesamt sei damit der Realismus, seien Dringlichkeit und moralischer Impetus einer langsam zum Himmel stinkenden Realität zuschanden gekommen. Der Verlag habe Mosebach noch gewarnt, aber der habe nicht hören wollen. Mosebach ist ein Reaktionär, und er ist es mit Leib und Seele. 2007 hat er ein Pamphlet gegen die Neuerungen, die sich in der katholischen Kirche speziell mit dem zweiten Vaticanum ergaben, in die Welt gesetzt. „Häresie der Formlosigkeit“ richtet sich mit dem dogmatischen Eifer des Ewiggestrigen gegen Lieder, die von Protestanten stammen, gegen das Deutsche als Sprache der Liturgie und gegen die Handkommunion, als hätte er literiarisch nichts anderes zu tun. Sein Argument ist dabei die Zeitlosigkeit des theologisch gewachsenen und ästhetisch gut abgehangenen Rituals: „Die Heiligkeit der Tradition“, schreibt er da, „besteht eben nicht in erster Linie in ihrer Zweckmäßigkeit und Brauchbarkeit, sondern in ihrer Dauer.“ Haben nicht ein Jahrtausend lang die sakralen Geschichten, wie sie die Altäre erzählten, in aller Nonchalance die aktuellen Gewänder, die vertrauten Szenerien und modischen Accessoires verwendet, weil sie eben wussten, dass die biblische Wahrheit ohnedies unvergänglich ist? Mosebach meint wohl, dass seiner Erzählung vom ewigen Schlachten die gleiche Haltbarkeit verliehen ist. „Ich glaube an die Verbindung jedes einzelnen mit dem großen Ganzen des Volkes“, deklamiert Mosebach in einem seiner Reiseberichte, die er 2011 zu seiner Anthologie „Als das Reisen noch geholfen hat“ fügte, und offenbar hat er mit solcherlei Anrufungen kein Problem. Das große Ganze des Volkes: Mosebach ist ein Reaktionär, und in dieser Eigenschaft wird man dann auch, wie er formuliert, „zur revolutionären Zeitbombe“. Mosebach hat es mit seinen steilen Engstirnigkeiten in den letzten Jahren zum Status eines Eingeweihten gebracht, und die sind bekanntlich von vornherein der Aktualitäten enthoben. Vielleicht sollte man Mosebach nicht so ernst nehmen. Komisch ist es aber auch nicht. Martin Mosebach, Das Blutbuchenfest, München: Hanser 2014

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