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Musée à vendre pour cause de faillite – Herbert Foundation und mumok im Dialog: Konkurs der Institution?

"Musée à vendre pour cause de faillite – Herbert Foundation und mumok im Dialog" – Die eigentliche Diskrepanz dieser Ausstellung liegt schon in der Kombination von Titel und Untertitel. Worauf soll die Ausstellung hinauslaufen? Ist es die Intention eine repräsentative Schau der privaten Sammlung von Anneke und Anton Herbert mit gelungenen Ergänzungen aus den hauseigenen Beständen zu realisieren, oder soll Marcel Broodthaers’ Zitat „Museum zu verkaufen wegen Konkurs“ (1971) in aktueller Sicht thematisiert werden? Ersteres wird hier mit Bravour vorgeführt. Als klassische Repräsentation im klassischen Rahmen, dem möglichst neutralen White Cube, werden an herausragenden Werken die spezifischen Qualitäten von Konzeptkunst, Minimal Art und jüngeren Positionen, die diesen selbstreferenziellen Tendenzen kritisch gegenüberstehen, veranschaulicht. Nur, wo bleibt die Relevanz des nach Aufmerksamkeit heischenden Titels? Zitiert wird aus einem Katalog 1971, in welchem Marcel Broodthaers die „Section Financier“ seines fiktiven „Musée D’Art Moderne Département Des Aigles“ präsentiert und im gleichen Zug sein Museum wegen Konkurs am Kölner Kunstmarkt zum Kauf anbietet. Dieses ideelle Museum hatte er 1968 eröffnet, in 12 Stationen realisiert und 1972 geschlossen. Es war ein Projekt, das zwar auch den Kunstbegriff, vor allem aber den des Museums problematisierte. Broodthaers’ Museum wechselte stetig seinen Standort, tauchte für einen begrenzten Zeitraum in seinem Atelier, einer Galerie, am Strand, auf einer Kunstmesse oder in einem Kellerraum auf. Seine Exponate waren Postkarten, Transportkisten, Projektionen oder Alltagsgegenstände und nur mitunter Originale und wenn überhaupt, dann mit verwirrender Beschriftung oder dem Schildchen „This is not a work of art“. In Broodthaers’ „Musée D’Art Moderne“ wurde jede Hierarchie oder ordnende Kategorisierung ignoriert. Das System Museum wurde grundsätzlich dekonstruiert. Sämtliche Rahmenbedingungen, der Schauplatz, die Exponate und ihre An– bzw. Unordnung, die Katalogisierung oder die Rolle des Direktors wurden dem herkömmlichen Verständnis entrückt und verschoben oder invertiert. Objekthaftigkeit, Abwesenheit, Anwesenheit, Nachhaltigkeit, Wertigkeiten wurden in Frage gestellt. Die Eröffnungen waren jeweils mit Diskussionen verbunden, die Debatte war integraler Bestandteil des Konzepts. Broodthaers verfolgte eine Strategie, in der jede Station des Museums die vorherigen ergänzte indem sie diese methodisch unterwanderte, sodass sich das Projekt systematisch in sich selbst aufhob. Die letzte Konsequenz war die Schließung des Museums, das als ein temporäres Phänomen Großteils nur dokumentarisch überliefert ist. Aus Annick und Anton Herberts Besitz sind in der aktuellen Ausstellung im mumok einzelne Objekte, wie zwei Tafeln oder eine Tür des „Musée D’Art Moderne“ gleich Gemälden an der Wand präsentiert. Sie sind rund um die Vitrinen mit Dokumenten wie Einladungskarten oder dem titelgebenden Ausstellungskatalog platziert – Spuren der Erinnerung. Die Idee von Broodhaers’ „Musée D’Art Moderne“ ist in diesen Objekten präsent, aber nicht neu verhandelt, sondern konserviert und in das bewährte konventionelle museale Korsett gezwängt. Der Diskurs spielt sich (wie im Untertitel angekündigt) zwischen den Exponaten der Sammlung Herbert und der des mumok ab, in einer zwar exzellenten, aber hermetisch abgeschlossenen Präsentation. Als solche steht sie konträr zu Broodthaers’ Intention der Entmythologisierung, einem Prozess, mit dem er genau diese musealen Strukturen aufzubrechen gedachte, die er als selbsternannter Direktor beunruhigen wollte. Seine Vision ist nunmehr historisiert, distanziert und als singuläres Fossil eingeordnet in eben das System von Kategorisierungen, das er unterlaufen wollte. Der endgültige unnahbare Zustand in der aktuellen Präsentation schafft Unbehagen; genauso wie die ernüchternde Begegnung mit Franz Wests Sesseln, die auf ihren weißen Sockeln entgegen dem Sinn des Künstlers (aus konservatorische Gründen) nicht antastbar sind, oder mit Bruce Naumans (wegen Sicherheitsmaßnahmen) still gelegten „Musical Chairs“, die sich drehen sollten. Der museale Rahmen verlangt offensichtlich nach dieser unvermeidbaren Einbuße an Authentizität. In diesem Sinn bewahrheitet sich der programmatische Ausstellungstitel mit der Bankrotterklärung des Museums. Liest man diese nicht nur in der platten pekuniären, sondern in inhaltlicher Sicht, dann gewinnt die zunächst kokett wirkende Verwendung von Broodthaers’ Zitat konkrete Realität. Dennoch, ist es wirklich eine unausweichliche Notwendigkeit, dass Broodthaers’ rebellisches „Musèe D’Art Moderne“, das Exempel der Institutionskritik par excellence, von den attackierten musealen Strukturen einverleibt werden muss? Un forme une surface un volume, serviles. Un angle ouvert. Des arêtes dures, Un directeur un servante et un caissier. MUSEUM Enfants non admits ... toute la journee, jusqu à la fin des temps. Eine Form eine Oberfläche ein Volumen, sklavisch Ein offener Winkel. Scharfe Kanten, Ein Direktor eine Bedienstete und ein Kassier. MUSEUM Kinder nicht zugelassen … den ganzen Tag, bis ans Ende der Zeiten. (Marcel Broodthaers, Poèmes industrials – Museum, enfants non admis, 1969/70)
Musée à vendre pour cause de faillite – Herbert Foundation und mumok im Dialog
21.02 - 15.05.2014

mumok - Museum moderner Kunst Stiftung Ludwig Wien
1070 Wien, Museumsquartier, Museumsplatz 1
Tel: +43 1 52 500, Fax: +43 1 52 500 13 00
Email: info@mumok.at
http://www.mumok.at
Öffnungszeiten: Täglich: 10.00–18.00 Uhr, Do: 10.00–21.00 Uhr


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