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Alter Meister

Beim Dingfestmachen von Alten Meistern empfiehlt es sich, so sagt der Kunstkriminologe Giovanni Morelli, weniger auf die Komposition, die Farbgebung oder das Ambiente zu achten als auf die Kleinigkeiten, die sich gewissermaßen von selbst verstehen. An den Fingernägeln, der Fußhaltung oder der Ohrmuschel wird man sie erkennen, wenn sie, müde geworden von der Anstrengung der großen Form, ihr Tagwerk vollenden. Zuschreibung ist Spurensicherung. Manchmal funktioniert Morellis Methode auch bei den Nasen, speziell bei Gestalten des späten Mittelalters, als die Malerei gerade begann mit der Abbildhaftigkeit und die Bilder noch ein wenig naiv zu Werke gingen. Da störte es nicht weiter, wenn sie alle gleich aussahen, die Gesichtserker, gleich und markant, und von der Jungfrau bis zum Bösewicht alle geprägt waren von der Knolle oder dem Hochsegel, die ihnen aus dem Konterfei ragten. Damit sind wir beim Meister von Schloss Lichtenstein, jener Künstlerfigur aus dem Wien um 1450, dem das Belvedere gerade eine exemplarisch gute historische Ausstellung widmet. Kuratiert von Veronika Pirker-Aurenhammer, der Zuständigen des Hauses für die Mittelalter-Sammlung, macht sich die Präsentation ihren Reim auf einen Unbekannten. Seinen Notnamen hat er von Schloss Lichtenstein bei Reutlingen, jenem romantischen Adlernest an den Abgründen der Schwäbischen Alb, in das die beiden wichtigsten Dokumente seiner Hinterlassenschaft irgendwann nach 1800 geraten sind. Gearbeitet aber hat der Meister in Wien. Was ist nun so gut an der Präsentation? Erstens hat sie, ausgestattet mit aller (natur-)wissenschaftlichen Akribie, herausgefunden, dass alles, was vom Meister erhalten ist, aus einem einzigen Zusammenhang stammt. Dieser Kontext ist ein großer, zweifach veränderbarer Wandelaltar, der nicht weniger als 26 Tafeln aus Holz enthielt, die nun, zweitens, mit der Ausnahme dreier verschollener und einer einzigen nicht verfügbaren auch gezeigt werden. Was fehlt, ist, drittens fotografisch dokumentiert. Viertens folgt die Logik der Präsentation jener der drei Situationen des Altars, so dass man ihn in den Etappen seiner Wandelbarkeit abläuft. Fünftens beschränkt sich die Schau auf diese Logik, so dass sie übersichtlich wie eine Studioausstellung daherkommt und sechstens prägnante Vergleiche mit Gleichzeitigem, am Ort Konkurrierendem oder ein wenig früher Entstandenem und damit Überwundenem gestattet. Siebtens schließlich sind einige wunderbare Exponate dabei, die man aus diesem doch ziemlich abgestandenen Bereich sehr selten zu Gesicht bekommt, namentlich eine Handvoll rarer Zeichnungen. Alles spielt sich in der Orangerie ab, der Raum ist offen, und das Ganze der kuratorischen Geste bleibt stets im Blick. Was der Meister auf seine Tafeln bringt, ist nicht schön, wie die Jahrzehnte vorher, nicht ziseliert oder feingliedrig. Es ist ein wenig eckig, gern auch ungelenk, im Hier und Jetzt daheim durch Licht- und vor allem Schattengebung, mit einem Wort, es ist realistisch. Da darf dann auch nicht fehlen, dass die Nase eben nicht detailgenau variabel, sondern gleichmäßig uneben, breit und, sagen wir, schanzenmäßig daherkommt. Markant, wie die Ausstellung, die sich ihnen widmet. www.belvedere.at

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