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Multiples

Das elfte Kapitel des vierten Buches von Lawrence Sternes „Tristram Shandy“ endet angeblich mit einem Komma: „Of course, said my father,“ Geht man die Ausgaben dieser Persiflage auf einen Entwicklungsroman, den es 1759, als das Buch erschien, eigentlich noch nicht gab, durch, dann findet man am Ende doch einen Punkt. Aber es ist eine schöne Idee, was Adam Thirlwell hier kolportiert, und sie passt perfekt zu seinem Konzept des „multiplen Romans“, des prinzipiell unabgeschlossenen, immer schon von anderen weiter gedachten, wenn nicht weiter geschriebenen, vielfältig angeeigneten und umgeformten Stückes Text, das dadurch Weltliteratur wird. Und Ideen zu haben, so zitiert er Saul Bellow, ist immer eine gute Idee. Denis Diderot hat sich vier Kapitel des Tristram vorgenommen und daraus sein durchaus ganzes Werk „Jacques le fataliste et son maitre“ gefertigt. Als Milan Kundera durch den Einmarsch des Warschauer Paktes 1968 in Prag kaltgestellt war, machte er sich wiederum an eine Theaterfassung von Diderots Kurzroman und sich damit auch einen Reim auf Lawrence Sterne. Die Beispiele solcher Transfers sind unzählig, und Thirlwells Werk schreibt sich freiwillig-unfreiwillig ein in den Kettenbrief des Verstehens und Missverstehens: Ein Satz von Carlo Emilio Gadda steht nun im Buch als deutsche Übersetzung von Thirlwells englischer Übersetzung der französischen Übersetzung des italienischen Originals. Der Autor tut, als käme ihm das zupass – ein wenig viel der Weiterreichung ist es dann aber doch (zumal der deutsche Verlag die Translation einer 25jährigen Studentin in Oxford übertragen hat, die, nun ja, noch ein wenig übt). „Der multiple Roman“ ist keine Theorie, aber eine wunderbare Etüde in der Praxis des Zitierens und Appropriierens. In diesem Sinn hat schon Sterne absatzweise etwa bei Robert Burtons „Anatomie der Melancholie“ abgeschrieben. „Im Aberwitzigen ist er zumeist Plagiator“, wusste entsprechend Sternes früher Rezensent John Ferriar. Doch was meint schon Plagiieren. Das Plagiat, heißt es bei Jean Giraudoux, ist an der Basis jeder Literatur, außer der allerersten, die im übrigen aber unbekannt sei. „Plagiate sind notwendig“, sagte wiederum Lautréamont, „sie sind ein Teil jeder Art von Fortschritt“. „Das Plagiat ist notwendig. Es ist im Fortschritt inbegriffen“: So steht es, in besserer Übersetzung, auch im momentan wohl wichtigsten Traktat zur Ästhetik der Gegenwart, in Simon Reynolds` „Retromania“ von 2011. Das Buch seines Landsmanns Thirlwell lässt sich wohlfeil als – wenn auch unausgesprochene – Replik darauf verstehen. Reynolds nämlich, so recht er hat, wird von einer ziemlich obsessiven Abneigung gegen das, was er da diagnostiziert, geplagt, er ist einer jener Pop-Adepten, die den großen Egos ihrer Helden hinterhertrauern. Thirlwell dagegen sieht im unermüdlichen Weiterreichen und Anreichern einen zentralen Mechanismus von Kultur. Zwar redet der eine bevorzugt von Musik, der andere vom Schreiben, aber beide schielen sie auch auf die Bilder: Ginge es nach ihnen, wäre wohl Sherrie Levine die zentrale Künstlerin der Gegenwart. Durch Samplen, Remixen und all die anderen Segnungen der Digitalität gibt es keine Fehler mehr, und darin liegt die Seelenlosigkeit der heutigen Aneignung sagt Reynolds. Im literarischen Metier schleichen sich genügend Ungenauigkeiten ein, weiß Thirlwell, eben deshalb schwört er darauf: Wer schreibt, bleibt, gerade durch die Missverständnisse. Und es gibt immer einen, der weiter macht, denkt, treibt. „Denn“, so heißt es bei Samuel Beckett, „im Walde der Symbole, die keine sind, schweigen die Vögelein der Deutung, die keine ist, nie“. Adam Thirlwell, Der multiple Roman, Frankfurt: Fischer 2013

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