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Peter Vujica 1937 – 2013

„Was schreib ich bloß?“ Es war ein jeden Mittwoch am späteren Vormittag stattfindendes Ringen mit sich und der Welt, dem leeren Bildschirm und der Fülle der Ereignisse, wenn Peter Vujica sich daran machte, der wöchentlichen Pflicht einer Kolumne nachzukommen. Sie war für die Donnerstagsausgabe des „Standard“ vorgesehen und musste bewältigt werden, da konnten auch Hindernisse, die im Ausmaß einer Tragödie zwischen sich und dem Text getürmt wurden, nichts ändern. Peter Vujica ging schwanger, das konnte sich hinziehen, aber dann war er da, der Beitrag, und er handelte gern von den vorausgegangen Stunden der schweren Geburt. Mit gelinder Koketterie wurde hier in aller Leichtigkeit von der Schwere der kulturellen Arbeit berichtet – von der eigenen und von derjenigen der vielen anderen, die in Vujicas lebenslanger Tätigkeit zusammen gekommen waren. Wie manch anderer im klassischen österreichischen Feuilleton war Peter Vujica ein Gesamtkunstwerker. 1937 in Graz geboren und aufgewachsen, hatte er dort auch studiert und über Johann Gottfried Herder promoviert; er war Musiker und Komponist, er veröffentlichte unter dem Namen Peter Daniel Wolfkind – was nichts anderes bedeutet als die Eindeutschung seines serbischen Nachnamens – Romane, er schrieb Stücke und Libretti, und er leitete in den Achtzigern den „steirischen herbst“. 1989 ging er nach Wien, wo er der Kulturredaktion des „Standard“ vorstand und sein Blatt neben den Kolumnen vor allem mit Kritiken zum Musiktheater, Österreichs Leib- und Magenressort, ausstattete. Nach seiner Pensionierung 2001 fügte er die Profession zum Steckenpferd und begann eine weitere Karriere als Begründer der „Kosmophonie“, einem Verfahren, das eine astrologische Konstellation in eine Klangfolge umsetzt und so jedem Träger eines Horoskops sein ureigenes Leitmotiv anbietet. Vujica hat sich obsessiv-objektiv mit dem Roulette beschäftigt, und die Magie, die einen da ins Gewinnen und Verlieren verstrickt, war ihm auch ein Leitfaden fürs Leben. Was schreib ich bloß? Von Peter Vujica war zu lernen, dass ein Text gern auf sich warten lässt, auch wenn er dann schnell geschrieben ist. Der erste Satz ist der Schlüssel zum Gelingen, und wenn er zum Haupt- gleich ein Nebenthema anschlägt, dann kann die Komposition, die auch die Sprache zulässt, ihren Lauf nehmen. War er dann in der Welt, der Text, sollte man ihn nicht zu wichtig nehmen, es gibt schließlich Millionen andere davon, und das gilt auch für seinen Autor. Wenn sich einer darüber aufregte, und das war nicht die schlechteste Reaktion, sollte man das Dementi ernst nehmen – dass sich derlei heutzutage in Gestalt von Postings artikuliert, konnte Vujica gnädig aus dem Ruhestand gewahren. Knapp drei Jahre lang war er beim „Standard“ mein Chef. Er ist der Mensch, von dem ich am meisten gelernt habe. Es war mir vergönnt, ihm das vor einigen Monaten auch noch persönlich zu sagen. Da war er schon seit Jahren bettlägrig. Nach einem langen – und hier passt das altmodische Wort – Siechtum ist Peter Vujica am Weihnachtstag 2013 verstorben.

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