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Willy Brandt

Am heutigen Mittwoch würde Willy Brandt hundert Jahre alt. Stimmen wir an dieser Stelle in den Kanon der Erinnerungen ein: im folgenden also einiges Bemerkenswerte zum Architekten eines polyglotten Deutschland, zusammengestellt vor allem auf der Basis von Peter Merseburgers schöner, stimmiger, zurückhaltend wertender Biografie von 2002. Brandt war mit verantwortlich, dass Carl von Ossietzky 1936 den Friedensnobelpreis erhielt. Brandt lebte, unter seinem 1933 zugelegten Nom de Guerre – er hieß ja Herbert Frahm -, in Norwegen, wo man für die einschlägige Vergabe zuständig war. 1971 sollte es Brandt dann selbst treffen. Als die Nachricht in die Sitzung des Bundestages platzte, standen die Mitglieder der SPD/FDP-Koalition, die die Regierung stellte, auf. Oppositionsführer Rainer Barzel gratulierte. Die Mehrheit der Abgeordneten von CDU/CSU blieb indes sitzen und tat nichts. Heute ist das undenkbar, und womöglich liegt auch darin ein Verdienst von Brandt. Brandt wurde für seine Ostpolitik geehrt. Zusammen mit seinem Berater Egon Bahr erkannte er gleich nach dem Bau der Mauer, mit welchem Status Quo man nun in den Ländern des Ostblocks zu rechnen hatte. Es galt zu akzeptieren, was der Fall war, und kleine Schritte zu unternehmen. Die sogenannte „Passierscheinaktion“, an Brandts 50. Geburtstag am 18. Dezember 1963 für die Weihnachtsfeiertage vereinbart, war der erste dieser Schritte: Die DDR rechnete mit 30.000, die Bundesregierung mit 800.000 Anträgen; tatsächlich gab es 1,2 Millionen Besuche von Ostberlinern an diesen Tagen. Nichts war insgesamt erfolgreicher als Brandts Ostpolitik: Sie gab den Staaten des Warschauer Paktes die ganz absichtlich gewollte, ungehinderte Gelegenheit, sich 1989 selbst abzuschaffen. Brandts Auftritt 1970 am Warschauer Mahnmal für die Ermordeten des Ghettos, ist, indem er so spontan wie wirkmächtig auf die Knie fiel, als beispielhafte Setzung eines politischen Symbols unübertroffen. Die Deutschen, denen die nationale Semantik gründlich verleidet ist, haben hier ihr starkes Bild. Es galt international: „Time“ wählte Brandt in diesem Jahr - als dritten Deutschen nach Hitler 1938 und Adenauer 1953 - zum „Man of the year“. Heute heißt das „Person of the Year“; aber Frau Merkel hat es bisher nicht hingekriegt. Brandt fand übrigens noch eine wirkmächtige Geste: Als er 1973 Yad Vashem besuchte, die israelische Gedenkstätte an die Shoah, rezitierte er aus Psalm 103. Es muss ergreifend gewesen sein. Helmut Kohl war 1984 der zweite deutsche Kanzler dort: Ihm fiel das Wort von der „Gnade der späten Geburt“ ein. Das war weniger ergreifend. Brandts Fehler: Der Radikalenerlass 1972, der den sich radikalisierenden linken Gruppen einen verqueren Anlass bot, sich außerhalb des Staates zu stellen; Helmut Schmidt war übrigens dagegen. Die Ablehnung des Nachrüstungsbeschlusses 1983, der sich als strategisch sehr bedeutsam erwiesen hat für die ökonomische Umklammerung des Osten; Helmut Schmidt war übrigens dafür. Schließlich: der Besuch bei Christo 1981 in New York, bei dem er den Chef-Umhüller bestärkte, den Reichstag zu verpacken. „Verbonnung“ war sein Wort dafür, dass er zum Regieren immer in das Kuhkaff südlich von Köln musste. Er war Berlin gewöhnt, als Regierender Bürgermeister verbrachte er dort die weltpolitisch aufregendsten Jahre, und natürlich plädierte er bei der Hauptstadtdiskussion 1991 für die Metropole - anders als seine Partei, die auf ihrem Parteitag mit 203 zu 202 Stimmen für einen Verbleib in Bonn war. Es sollte, mit einem seiner berühmtesten Sätze, zusammen wachsen, was zusammen gehört. Die Weltstadt Berlin ist heute eine der greifbarsten Visionen Brandts, die sich erfüllt haben.

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