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Matthew Barney - River of Fundament: Meister der XXL-Transformation

Matthew Barney ist eine der schillerndsten Künstlerpersönlichkeiten des internationalen Kunstbetriebs. Sein großer Ehrgeiz und nicht kleinerer Eigensinn bei der verzwickten Transformation historischer Vorlagen in private und moderne Mythologien sind bekannt. Seine kostspieligen Soloshows sind entprechend selten und versetzen durch ihre beeindruckende Überdimensionalität und intellektuell-libidinöse Raffinesse ins Staunen. Bereits seit den 1980er Jahren arbeitet der Amerikaner an der Erschaffung eines postwagnerianischen Gesamtkunstwerks. In seinen „narrativen Skulpturen“ sucht er vor dem Hintergrund seiner Begeisterung für Sport und Ausdauer, einen Kampf gegen den Widerstand des Materials. Einmal hadert er mit dessen organischer Weichheit, ein anderes Mal, wie derzeit in lässiger Umkehrung, mit seiner industriellen Härte. In seinem umfangreichen gestalterischen Kunstschaffen als Bildhauer, Medienkünstler und Filmemacher, nimmt Barney absichtlich Überzeichnungen, Übertreibungen und vor allem aufwendige Produktions- und Ausstattungstechnik in Kauf, um Symbole kreativer und transformativer Lebenskräfte sichtbar zu machen. Nach 7 Jahren Abstinenz von der Öffentlichkeit präsentiert der vom Kurator Okwui Enwezor als Visionär bezeichnete Künstler seine neuen Arbeiten in der Ausstellung River of Fundament im Münchner Haus der Kunst. Und in der Bayerischen Staatoper sah man im Rahmen der Ausstellungseröffnung seinen fast 6-stündigen Opernfilm unter demselben Titel. Obwohl der Künstler gewöhnlich zahlreiche Formate wie Zeichnung, Storyboard, Vitrinen, Fotografie und Skulptur in seinen Ausstellungen dicht verwebt, sollten diesmal seine aufwendigen Skulpturen, die vorher während dreier Live-Performances in Los Angeles („REN“), Detroit („KHU“) und New York („BA“) in Zusammenarbeit mit vielen Hunderten mitwirkenden Schauspielern und Experten entstanden sind, die Highlights der Ausstellung bilden. Die 14 Werke sind, wie schon in seinem Cremaster-Zyklus, dreidimensionale hybride Inkarnationen jener Figuren und Schauplätze, von denen auch der Film handelt, mit dem Unterschied, dass sie unsere Gemüter nicht in der Zeit, sondern im Raum bewegen. Das Großprojekt versucht das Buch von Norman Mailer, Ancient Evenings (Frühe Nächte, 1983), das im antiken Ägypten spielt, visuell in seiner ganzen Breite zu erfassen. Der Leitgedanke des Texts dreht sich um Tod und Wiedergeburt. In der Ausstellung geht es darum, wie man eine spirituelle Kraft in visuelle Formen umsetzen und über Reinkarnation und Transzendenz komplex erzählen kann. Trotz des tiefen Eintauchens in die vergangenen Unterwelten bemüht sich der Künstler auf Schritt und Tritt die Fäden zum Jetzt kenntlich zu machen – z. B. zum Aufbruch und Niedergang der Stadt Detroit und der amerikanischen Autoindustrie. Anders als in Mailers Roman durchläuft bei Barney nicht die menschliche Seele die drei Reinkarnationsversuche, sondern ein Objekt: Das Auto der Marke Chrysler wird zum Subjekt der mächtigen Recyclingprozesse. Woher aber weiß der Betrachter, dass es sich in diesem verwickelten Megaparcours um Detroit handelt? Davon erzählen im 11. Raum „Libretti“, die kleinsten (und unauffälligsten) Skulpturen der Ausstellung. Sie bestehen aus Wandvitrinen, in denen sich u. a. die offenen Taschenbuchausgaben von Mailers Buch mit den darauf von Barney gefertigten Zeichnungen befinden. Jedes Exemplar liegt auf einem gemeißelten Salzblock, der aus jenen Salzminen stammt, die sich unterhalb des Detroit River erstrecken und dort eine eigene Unterwelt formieren. Wer das nicht weiß, kann auf den Wandtexten oder im Begleitheft darüber nachlesen. Und überhaupt, um die einzelnen Exponate zu enträtseln, muss man in der Ausstellung viel und oft nachlesen, ganz entgegen der Intention des Künstlers, der im Süddeutschen Magazin behauptet, dass ausufernde Information die Magie der Objekte stört. Am Anfang der Präsentation steht die heraufbeschworene Magie noch in voller Pracht; der vollkommen von Schwarz umhüllte Bronzeguss beerdigt in der Skulptur Canopic Chest den Chrysler Crown Imperial von 1967 im Sinne der altägyptischen Bestattungskultur. Im Großen Saal kommt es zum Materialwechsel: Die gigantische, tonnenschwere Arbeit Trans Amerika in Form einer Ellipse, die im Film die zweite Inkarnation von Mailer darstellt, strahlt ihr Schwefelgelb in den Himmel. Und ohne das Wissen über die dazugehörigen Handlungen wird man von ihrer autarken Erscheinung einigermaßen überrumpelt. Solche Stimmungs- und Landschaftswechsel von überwältigendem (scheinbar überholtem) Pathos über popartige Heiterkeit bis hin zur Präsentation hilfreicher Unterlagen aus dem Archiv des Künstlers werden in dieser Show durch verschiedene skulpturale Gestaltungsarten abwechslungsreich herbeigeführt. Die Themenstellung der Ausstellung scheint, im Wunsch nach Wiedergeburt oder langem Weiterleben, immerhin psychologisch den Nerv der Zeit meisterhaft zu treffen.
Matthew Barney - River of Fundament
17.03 - 17.08.2014

Haus der Kunst München
80538 München, Prinzregentenstrasse 1
Tel: +49 (0)89 21127-113, Fax: +49 (0)89 21127-157
Email: mail@hausderkunst.de
http://www.hausderkunst.de/
Öffnungszeiten: Mo – So 10.00 – 20.00, Do 10.00 – 22.00


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