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Pisa

Früher war alles schlechter. Jedenfalls war dasjenige schlechter, was man sich mit den Methoden von Pisa, dem Programme for International Student Assessment, dergestalt einverleibt, dass man das Prozedere eine Messung nennen zu können glaubt. Die Deutschen, so ergibt es die jetzt veröffentlichte, im letzten Jahr unternommene Studie, haben aufgeholt. Der Pisa-Schock von 2000 ist überwunden. Die Schüler in den Ländern der OECD, so erfahren wir und sollen erleichtert sein, bringen es in der Mathematik auf durchschnittlich 494 Punkte. Die Deutschen sind dem satte 30 Punkte voraus, auch die Österreicher haben deren 12 mehr. Spitzenreiter ist Shanghai, offenbar ein Stadtstaat wie die ihm folgenden Hongkong und Singapur. Die chinesische Metropole ist mehr als hundert Punkte voraus, doch ist das leicht erklärbar, denn der Drill, dem sie dort die Kleinen unterziehen, ist schier unmenschlich. Also nichts für uns. Dann lieber gehobenes Mittelfeld. Früher war nicht alles besser. Jedenfalls aber war dasjenige besser, was nach dem Gymnasium auf die Hochschule kam. Der Bildungsstand, wie ich ihn an dem Haus, an dem ich unterrichte, kennenlerne, ist unterirdisch. Meiner Meinung nach hat das mit dem sonderbaren G8-Mechanismus zu tun, der als eine Art Zwangsbeglückung die Schulzeit von dreizehn auf zwölf Jahre verkürzt. Acht Klassen Gymnasium sind eine weniger als bisher, und das wirkt sich aus (für die Österreicher, die nur die achtjährige Gymnasialzeit kennen: Das wirkt sich tatsächlich aus, wie sollte es auch anders sein). Jetzt kommen sie mit achtzehn aus ihren Elternhäusern, haben gerade vier Jahre fürs Studium und sollen sodann mitten ins professionelle Leben. In meinem Fall heißt das, dass sie zum Beispiel als Gymnasiallehrer arbeiten. 22jährige, die kaum Jüngere aufs Abitur vorbereiten: So legt man eine Abwärtsspirale. Das eine hat übrigens mit dem anderen zu tun. In der einschlägigen Verzweiflung, die die Bildungspolitik nach der ersten Pisa-Studie überkam, stand notorisch Ergebniskosmetik auf dem Plan, und alles, was sich nur statistisch frisieren ließ, hat man aufgetürmt. Dadurch ist man jetzt immerhin auf dem Niveau von Finnland, das seinerzeit das Mutter- und Musterland der pisanischen Verschwörung war. Dass Helsinki ungefähr soviele Bewohner hat, wie in Berlin Türken leben, und es ein leichtes ist, ein Gemeinwesen, in dem auf ungefähr gleicher Fläche ein Fünfzehntel von Deutschlands Bevölkerung lebt, per Erhebung hochzujubeln, war damals schon geschenkt. Hauptsache, man hatte seine Daten. Die Schüler sind also besser geworden, sagt Pisa. Die Schüler sind schlechter geworden, sage ich. Mich interessiert das eine. Die Bildungspolitik das andere. Mal sehen, wer recht bekommt.

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