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Dieter Hildebrandt 1927 – 2013

Unterhalten sich zwei Grüne über Adolf Hitler. Sind sie sich einig: So schlecht war der Hitler gar nicht. Nur das mit den Autobahnen hätte er nicht machen dürfen. Anfang der Achtziger bat die Süddeutsche Zeitung anlässlich der Faschingstage die ortsansässige Prominenz, ihren Lieblingswitz zu erzählen. Der obige Zweizeiler war derjenige, den Dieter Hildebrandt erzählte, und man kann sich vorstellen, dass die aufs Korn Genommenen das so was von überhaupt nicht witzig fanden. Gert Bastian und Petra Kelly, die seinerzeit zum allerengsten Führungszirkel der Grünen gehörten, schrieben je einen beschwerdereichen Leserbrief, offenbar hatte Hildebrandts schräge Hommage an eine gewisse Charakteristik der Gruppierung gestreift. Dass eine Partei wütend wurde, wenn Hildebrandt zur überspitzenden Formel griff, kam öfter vor. Legendär der Moment im Jahre 1986, als sich der Bayerische Rundfunk aus Hildebrandts ARD-weit versendetem „Scheibenwischer“ ausblendete, weil die Folge, die sich ihren ureigenen Reim auf die Tage von Tschernobyl machte, „makaber“ und „nicht gemeinschaftsverträglich“ sei. So jedenfalls gab es der Haussender der CSU zur Begründung an, jener staatstragenden Bayern-Partei, die gerade in Wackersdorf auf besonders verträgliche Art und Weise vorführte, wie man eine Wiederaufarbeitungsanlage in die Wiese (und gottseidank später in den Sand) setzt. Dieter Hildebrandt hat aus der parteipolitischen Ausrichtung seines Kabarettisierens nie ein Hehl gemacht, und er war damit eine Galionsfigur des Aufbruchs in eine nicht mehr ganz so konservative Gesellschaft. In die heutige Fernsehlandschaft, da speziell der Freitagabend einem Jux und einer Tollerei verschrieben sind, die man „Comedy“ nennt, hat er nicht mehr gepasst. Er gehörte mit seiner immer ein wenig zerstreut wirkenden, nach Art des Inspector Columbo vor dem Abtreten sozusagen für einen letzten Gedanken kehrt machenden, aus einer seltsamen Notsituation des Alltäglichen heraus agierenden und gleichsam unfreiwilligen, gespielt improvisatorischen Manier in den politischen Status Quo der alten Bundesrepublik. Man tat so, als sei man mit Wirtschafts-, Fress- und Sex-Wunder doch so überaus zufrieden, und nur ganz nebensächlich meldete sich ein Dementi. Das hat Hildebrandt formuliert, ab 1956 in der Münchner Lach- und Schießgesellschaft, die er zusammen mit Sammy Drechsel, der dann bei eben dem Bayerischen Rundfunk vor allem als Sportmoderator reüssierte, gegründet hatte. Da gab es dann Mitschnitte auch für ein Hauptabendprogramm des Fernsehens, das abenteuerliche 50 % Seherbeteiligung einfuhr. Meinesgleichen ist mit Hildebrandt und seiner Truppe politisch nicht nur sensibilisiert, sondern gleich sozialisiert. Gerade haben sie in München und den einschlägigen Regionen Olympia 2022 abgeschmettert. Begründet wird das jetzt mit einem speziellen bürgerschaftlichen Engagement, das verhindern wollte, sich dem IOC und seinem Gerontokraten-Regime andienen zu müssen: Man habe demokratisch gegen die totalitären Ansprüche einer staatsfernen Clique gefochten. Dass eine souverän demokratische Gesellschaft sich vom IOC nicht ihr Fest durcheinander bringen läßt, haben die Briten letztes Jahr in London bewiesen. Die Deutschen dagegen frönen unverdrossen ihrem Ökofaschismus. Hildebrandt hat mit seinem bitteren Joke von Anfang der Achtziger recht behalten. 86jährig ist er am 20. November verstorben.

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