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Verschwörung

Vor einigen Wochen gab es auf arte einen „Programmabend“ zu Pier Paolo Pasolini. Es jährte sich der Todestag, am 2. November 1975 war der Dichter, der katholische Kommunist, der mit seiner Mutter zusammen lebte und eher heftigen Sex mit den Buben der Borgate bevorzugte, mit eingeschlagenem Schädel in Ostia aufgefunden worden. „Die Akte Pasolini“ hieß der erste Beitrag im Rahmen des Themenabends, der Regisseur Andreas Pichler formulierte darin seinen Zweifel, dass es ein einschlägiger Tod gewesen sei, einer, wie ihn auch Winckelmann ereilte oder den bayrischen Schauspieler Walter Sedlmayr. Pasolini wären Teile seines letzten, den Skandal mit breitester Brust provozierenden Spielfilms „Die 120 Tage von Sodom“ gestohlen worden, er sei zu einer Übergabe zitiert worden, wo man ihn ermordete. Diesem „man“ wurde nun hinterhergespürt. „Die Akte Pasolini“, die hier geöffnet wurde, hatte zur Grundlage eine Verschwörungstheorie. Zu Wort kam in der Doku auch Nico Naldini, Cousin und Biograf Pasolinis und ebenfalls homosexuell. Naldini glaubt nicht an geheime Verbindungen, für ihn ist der Tod milieutypisch. Das allerdings sagt er nicht im Film, sondern in einem jüngst erschienen Buch namens „Rom, Träume“ der deutschen Literaturkritikerin Maike Albath. „Moravia, Pasolini, Gadda und die Zeit der Dolce Vita“ ist sein Untertitel, es handelt von den unnachahmlichen Tagen um 1960, als Italien tatsächlich noch ein Sehnsuchtsland und seine Hauptstadt eine Kapitale der Kultur waren. Maike Albath und ihre Gewährsleute halten nichts von Verschwörungstheorien, doch loten sie die Atmosphäre aus, in der sie blühen. Die hemmungslose Nabelschau der intellektuellen Zirkel, für die Carlo Emilio Gadda tatsächlich „der wichtigste Schriftsteller des 20. Jahrhunderts und zwar nicht nur für Italien“ ist, den ungebremsten Narzissmus, der es nicht nötig hat, ins Ausland zu blicken, geschweige denn dessen Sprache zu beherrschen. Dinge, die passieren, werden da schnell zu Machenschaften, und dem Wir der kulturell Eingeweihten stellt sich das Die des hermetischen Bösen vis-à-vis. Leonardo Sciascia, der es als Palermitaner wissen muss, hat gleich im Jahr 1978, als es geschah, die „Affäre Moro“ aufgerollt. Der Christdemokrat Aldo Moro war von den roten Brigaden entführt worden, und Sciascia versucht sich einen Reim zu machen auf die Verlautbarungen, die von den Brigate Rosse und ihrem Gefangenen an die Öffentlichkeit gingen. Besonders Moros erster Brief, an Innenminister Cossiga adressiert, hat es dem Autor angetan. Darin kommt die Formulierung „Ich denke, daß ein vorbereitender Schritt des heiligen Stuhls nützlich sein könnte“ vor. Natürlich wurde jeder Satz Moros von seinen Entführern zensiert, er musste vorsichtig formulieren, insinuieren, zwischen die Zeilen fügen, und Sciascia macht es genauso. Also setzt er nach: „Ein Vorstoß des heiligen Stuhls bei den Roten Brigaden? Es gäbe nichts absurderes. Und dann 'vorbeugend'. Was bedeutet das?“ Für Sciascia bedeutet das, vorsichtig ausgedrückt, dass Moro den Verdacht hatte, sein Gefangenenlager befände sich im Vatikan. Im gleichen Jahr wird Albino Luciani der neue Papst Johannes Paul I., und er wird nach genau 33 Tagen im Amt tot aufgefunden. Als dann 1980 die Geschichte mit der Loge P2 die Runde machte, war es klar: Italien ist die Zentrale wenn nicht der Verschwörungen, so jedenfalls ihrer Theorien. Warum erzähle ich das jetzt? Weil es schon wieder Händel mit Berlusconi gibt, er spaltet, droht und hetzt die Classe politica vor sich her. So unermüdlich, wie sie sich für ihn schämen, hieven ihn die Italiener in jene Bereiche, wo er seine Brachialitäten ausleben darf. Berlusconis Strategie ist ein Etatismus gegen den Staat, er bedient alle Ressentiments gegen Verwaltung, Exekutive und Parlamentarismus, um sich gleichzeitig in ihnen einzunisten. Und vor allem ist er die personifzierte Verschwörungstheorie. Er verkörpert sie, und macht sie dabei transparent. Und er macht sie plausibel, er erhebt sie zum Prinzip. Natürlich ist dann Pasolini vom Geheimdienst ermordert worden. Natürlich hat die Kirche bei Moro die Finger im Spiel. Und wenn im nächsten Jahr kein italienischer Verein die Champions League gewinnt, dann ist es die UEFA. So wird daraus eine nationale Mentalität.

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