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Artistic Research

„The installation“, so heißt es in geläufig überspannter Kunstbetriebsprosa zur momentanen Präsentation von Rudolf Stingel im venezianischen Palazzo Grassi, „is part of Stingel's artistic research which has always analysed the relationship between exhibition space and artistic intervention“. Jede Menge Modewörter sind in dieser Sentenz des ausstellungsbegleitenden Faltblatts auf engstem Raum versammelt: „Intervention“ natürlich, „Relationship“ und besonders gern „Analyse“, denn schließlich kann ein Überzug von 5.000 Quadratmetern an Boden und Wänden mit Auslegware aus dem Geist orientalischer Provenienz und chinesischer Produktion nur der strengen, gleichsam wissenschaftlichen Terminologie entsprechen. Geschenkt. Gehen soll es im folgenden um einen weiteren der grellen Slogans: „Artistic Research“. Schon seit den späten Sechzigern geht der Kunstbetrieb gern ins Theater der Theorie. Er setzt sich dort neben die Wissenschaft, bevorzugt die Naturwissenschaft, auf dass dabei der Funke solcher Unerbittlichkeiten wie Axiomatik und Gesetzhaftigkeit überspringe. Schon 1962 hatte Thomas S. Kuhn in seinem Buch „The Structure of Scientific Revolutions“ dem „Paradigm Shift“ das Wort geredet, jenem Paradgimenwechsel, der nicht aufgrund zähen Forschens, sondern durch, wie Kuhn es hübsch benannte, „Erweckungserlebnisse“ zustande käme. Dass dann die „Wissenschaft als Kunst“ durchgewunken werden kann, wie Paul Feyerabend es 1984 auf den Punkt brachte, war gleichsam unvermeidlich. Ganz freiwillig legten sich die strengen Spezialisten der Empirie mit den forschen Generalisten der Bilderherstellung ins Bett. Diese ließen sich nicht zweimal bitten und exerzierten durch, was sie immer tun: Sie eigneten an, appropriierten, rissen sich unter den Nagel und machten aus Nicht-Kunst eben Schon-Kunst. Im Laufe des Verfahrens kam dann Anton Zeilinger auf die letzte documenta (nachdem er schon 1998 in Peter Weibels „Jenseits von Kunst“ dabei war). Der Physiker ist massenmedial einschlägig als derjenige, der das „Beam me up, Scotty“ aus „Star Trek“ irgendwann Wirklichkeit werden lassen soll, und das reicht natürlich für eine Reputation als Künstler. Der Wissenschaftler lächelt, wenn er an Kassel denkt, an die dortige Nachbarschaft mit dem Apfelpfarrer Korbinian Aigner und an das Prinzip Kurator, das, nun ja, überhaupt nichts verstand von seinen Versuchsanordnungen, aber beeindruckt war von den Displays. Artistic Research. Seit die Kunst glaubt, selber zu forschen, kann man durch sie, mit ihr und in ihr den Doktortitel erwerben. Natürlich hängt das wiederum zusammen mit dem allgemeinen Niedergang des Ansehens, das dieser Titel einst besaß. Vor einiger Zeit war ich auf einem Symposion zu diesem Thema, und es wurde ganz ernsthaft verhandelt, wie denn eine künstlerische Arbeit aussehen könnte, die das Zeug hätte, als Promotionsleistung durchzugehen. Die Antwort war: Henrik Olesens 2007er Installation „Some Gay-Lesbian Artists and/or Artists Relevant to Homo-Social Culture“, eine beeindruckende, mehr als 700 Beispiele umfassende, an Aby Warburgs Mnemosyne-Atlas gemahnende Versammlung von Bildern aus der gesamten Kunstgeschichte, die absichtlich oder nicht schwule und lesbische Texte und Sub-Texte durchdeklinieren. Henrik Olesen, Some Gay-Lesbian Artists and/or Artists Relevant to Homo-Social Culture Born between c. 1300–1870, Migros Museum Später habe ich dem Künstler von der akademischen Karriere erzählt, die er mit seinem Werk machen könnte. Er fand es interessant, klar. Aber das war es auch für ihn. Mir geht es ähnlich. Ich finde Artistic Research interessant. Aber das ist es dann auch.

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