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Metz und Lens

Frankreich außerhalb der Ile de France besteht aus ökonomisch gegebenen, mehr aber noch in gekränktem Stolz gefühlten Problemzonen. Also muss die Kultur nachhelfen, im Süden, in Marseille zum Beispiel, wo sie diesbezüglich gerade eine Hauptstadt abgeben. Aber auch im Norden oder im Osten. Hier haben es sich die beiden großen, mit Weltruhm und arabischen Avancen überschütteten Kunst-Institutionen zur Aufgabe gemacht, die Infrastruktur zu verbessern. Ganz im Sinne des Bilbao-, vulgo Guggenheim-Effekts betreiben der Louvre in Lens(1) an der belgischen und das Centre Pompidou in Metz an der deutsch-luxemburgischen Grenze Dependancen. Der Louvre kolonisiert seit Dezember letzten Jahres den Norden. Im Brachland hinter dem Bahnhof der Stadt im Artois, der die Stahlkrise zusetzt, durfte das japanische Architektenteam von SANAA ein Gefüge aus fünf additiv hintereinander gesetzten Containern verwirklichen, das dem immer schon ins Auge gefassten Spektakelfaktor zu widersprechen scheint. Doch seit Friedrich Schlegel wissen wir, dass das Fade eine Kategorie des Interessanten darstellt, und so ist es entsprechend gekommen. Die Franzosen sind ja Cartesianer, also wirkt das Arrangement hindrapiert wie auf einem Koordinatensystem. Die ständige Präsentation hingegen ist tatsächlich spektakulär, Paris hat sich dafür prominent etwa von Delacroix' 1830er Revolutionsbild getrennt, das nun als Zentrum aller Bedeutung den Prozessionsweg entlang einer streng orthogonal aufgestellten Reihe der Schaustücke leitet. Die fünf Pavillons sind transparent, leicht und luftig und passen in die etwas räudig gewordene Kleinbürgerwelt der unmittelbaren Umgebung überhaupt nicht. Das Museumskonzept indes, das Werke aus allen Kulturen, die der Louvre verwaltet, in einen einzigen großzügigen Raum stellt und im Sinne der gerade aktuellen Einheit des Menschengeschlechts Kontinuität und Übergang inszeniert, wirkt generös zeitgemäß. Louvre Lens: Museumsarchitektur und Landschaftsgestaltung: Courtesy SANAA / Kazuyo Sejima & Ryue Nishizawa – IMREY CULBERT / Celia Imrey & Tim Culbert – MOSBACH PAYSAGISTE / Catherine Mosbach, Foto: Courtesy Hisao Suzuki (2012) Das CP war im Frühjahr 2010 vorangegangen. Im Brachland hinter dem Bahnhof der lothringischen Stadt, der die Stahlkrise zusetzt, durfte der japanische Architekt Shigeru Ban eine Art Collage verwirklichen, die natürlich auf den Spektakelfaktor setzt. Fragil, eine Zeltkonstruktion aus gebogenem Holz und überwölbender Membran, zum einen, monströs mit Technikfetischismen nach dem Modell des Pariser Haupthauses versetzt zum anderen, profiliert sich das Centre Pompidou Metz vor allem mit Wechselausstellungen. Exuberant kann die Filiation auf die Bestände der Muttergesellschaft zurückgreifen, als Exponate und zum Anwerben von Leihgaben. Gerade ist „Vues d'en haut“ zu Ende gegangen, buchstäblich eine Überblicksschau, die die Geschichte der Vogelperspektive in der Bildwelt der Moderne erzählte. Eine Dauerpräsentation gibt es im Centre Pompidou Metz nicht. Knapp eine Million Besucher sind im ersten Jahr in Metz vorbeigekommen, etwas mehr als die Hälfte war es im zweiten, weniger als die Hälfte 2012. Es lässt nach, was von Lens, das auf die gleiche Million im ersten Jahr zusteuert, auch zu erwarten ist. 2011 hatte das CP auch noch eine ambulante Version inauguriert, eine bunte Zeltstadt mit Exponaten von Matisse zu Picasso und Dubuffet als Wanderzirkus. Ende September hat das Centre Pompidou Mobile seine Station in Aubagne bei Marseille verlassen, und das war es dann insgesamt. Aus Geldgründen wird das Projekt eingestellt. Das Guggenheim Bilbao bleibt bei seiner knappen Million an Besuchern. In Frankreich, so scheint es, funktioniert der Effekt weniger - man kennt das auch andernorts. Die nächsten Hoffnungen auf Dependance gelten jetzt dann den Scheichtümern. www.louvrelens.fr www.centrepompidou-metz.fr (1) Siehe dazu die artmagazine Kirik vom 16.12.2012

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