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Wahl

An den langen Winterabenden, die jetzt anstehen, kann ich meinen Enkelkindern wieder vom Krieg erzählen. Veteran, der ich bin, lasse ich die Friedensbewegung Revue passieren, das Anti-AKW-Fieber oder die „Stoppt Strauss“-Kampagne. Mein bester Freund ließ sich damals, um 1980, aus reiner kindlicher Liebe zum Vater in die CSU zwangseinweisen, er hatte immer schon eine dichterische Ader und ersann also für die Junge Union den Spruch „Landesvater ist zu klein, FJS (vulgo Franz Josef Strauß) muss Kanzler sein“, welcher Slogan es seinerzeit auf die Titelseiten der Zeitungen brachte und sein Autor sich in Grund und Boden schämen musste. Genug. Vieles, das uns damals heilig war, ist jetzt Programmatik der Schwarzen, was allein auf deren Opportunismus und den Linksruck, der die Gesellschaft erfasst hat, zurückzuführen ist. Nicht das Original ist als Wahlsieger emporgestiegen, sondern die seltsame Portionierung, die eine Person, die als Volkskanzlerin gilt, den Deutschen daraus verabreicht. 1961 hat die CDU, die Mauer war gerade errichtet, auf den Slogan „auch morgen in Freiheit leben“ gesetzt. 1972, die Mauer in den Hirnen war gerade ein wenig lockerer geworden, hielt Willy Brandt mit „Damit Sie auch morgen in Frieden leben können“ dagegen. 1957 hatte Adenauer „Keine Experimente“ verordnet, was 1983 beim kleinen Nachbarn Östereich wieder aufgegriffen wurde – allerdings vom Sozi Bruno Kreisky. Bisweilen gleichen sich die Couleurs doch entschieden. So gleich indes wie jetzt 2013, war es noch nie.

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Absolute Mehrheit der Mandate. Jedenfalls fast. Die kleinen Parteien haben eklatant verloren, jetzt, nachdem es eine kleine Koalition gegeben hat, wie die großen vor vier Jahren verloren, als es eine große Koalition gab. Eine obskure Nebenliga hätte es fast ins Parlament gebracht, die AfD lebt, wie solche Vereine gern einmal, vom Ressentiment. Sie setzt auf Exklusion, man kennt das ja etwa von der FPÖ, nur dass sie etwas reicher daherkommt und es also exklusiver meinen darf. Sie will den Rückzug aus Europa, denn ihre Klientel hat sich in der Splendid Isolation gut eingerichtet. Knapp vorbei ist immerhin auch daneben.

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Von epochal ist in den ersten Analysen die Rede, Historie wird bemüht, und nicht weniger als eine neue Ära ist dabei anzubrechen. Das erinnert an Goethes berühmt gewordenen Satz anlässlich der Kanonade von Valmy, als die gesamteuropäische Reaktion 1792 gegen die Franzosen ins Feld zog, keine Chance hatte und der Dichter das wusste: „Von hier und heute geht eine neue Epoche der Weltgeschichte aus, und ihr könnt sagen, ihr seid dabei gewesen.“ Der Altmeister brachte den Satz allerdings erst 30 Jahre, nachdem er legendär getan wurde, zu Papier, „Campagne in Frankreich“ heißt sein 1822 publizierter Text, und womöglich ist das eine oder andere in der Erinnerung an den Feldzug, in dem er seinen Herzog begleitete, ein wenig geschönt. Nicholas Boyle, der wunderbare Goethe-Biograf, beschwört die Szene jedenfalls folgendermaßen herauf: „Die wenigen noch bewohnbaren Zimmer im Gasthaus von La Lune wurden dem König, dem Herzog von Braunschweig und den Verwundeten eingeräumt, während der Herzog von Weimar mit seinem Stab im Freien bleiben mußte. Goethe hatte von der vorigen Nacht noch etwas Wein, kaufte einem Husaren etwas Brot ab und ließ sich für ein paar Münzen eine Decke geben, bevor er sich wie Carl August und die Offiziere in ein flaches Erdloch legte, das man als Schutz vor dem Wind ausgehoben hatte.“ Kann sein, dass die neue Epoche, die mit dem Wahltag nunmehr begonnen hat, eben so ein flaches Erdloch ist.

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