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Der Banksy-Effekt

Vor einigen Wochen ging in der Operettenstadt Wien ein Phantom nieder. Es nennt sich Puber, stammt wie gewöhnlich gut unterrichtete Kreise erfahren haben, aus der Schweiz und ist in der Tat noch nicht in die Jahre gekommen, in jene Jahre, in denen man Respekt vor der Obrigkeit und ihren Ordnungsvorstellungen hat. In seiner Pubertät hat der – mutmaßliche – Bursche die Stadt zugesprüht, über und über überzogen mit seinem Schriftzug, und so wuchert es nun speziell durch den 6. und 7. Bezirk, dort, wo die Bobos bevorzugt ihrem Tag- und Nachtwerk und ihrem Wahlverhalten nachgehen. Nicht einmal vor einer hochoffiziell angebrachten Wandarbeit von Roa, dem Belgier, hat Puber Respekt gezeigt. Alles, was Szene ist, gibt sich empört. Was Puber treibe, sei gegen die Spielregeln, hallt es da, als hätte Bourdieu mitgeschrieben, Pubers Werk sei Geschmiere, sei unoriginell und wider den Codex. Das kommt einem bekannt vor, Kokoschkas, des weiland Oberwildlings, Invektiven gegen die Abstraktion der 50er fuhren die gleichen Begriffe auf. Puber vs. Roa, Schadekgasse, 1060 Wien, Foto: blog.spraycity.at Street Art ist also Kunst. Gut abgehangene, konventionelle, autorisierte Kunst, mit allen Segnungen der Übertretung versehen und längst heimgeholt in den Kosmos des Konvenienten. Die Arbeiten für die Straße sind offene Kunstwerke, die vorher geschlossen wurden durch den Kunstbegriff. Dass sie dann auch für den Kunstmarkt taugen, weiß man spätestens seit jenem anonymen Kerl, der in London berühmt wurde, der längst als Regisseur im Kino gelandet ist und einen Romanhelden abgibt in John Lanchesters Bestseller „Capital“. Natürlich ist er männlich, weiß und Hetero, man kennt das ja von Elvis, den Stones oder Eminem, die das auch sein mussten, als es darum ging, schwarze Musik in die Welt zu tragen. Street Art ist Art und lebt vom Banksy-Effekt. Speto, Frankfurt am Main, 2013, Fasade der Matthäuskirche in der Friedrich-Ebert-Anlage 33 © Schirn Kunsthalle Frankfurt 2013, Foto: Norbert Miguletz Nun lassen sie von der Frankfurter Schirn aus einige Brasilianer auf die Schluchten des 600.000-Einwohner-Molochs am Main los. Eine Stadt, bei der die Kriminalität in Gestalt der weißen Kragen womöglich um einiges höher ist als in den Favelas, Bidonvilles, den Barracas oder Elendsvierteln dieser Welt, wird getaucht in die Authentizität geborgter Lebenswirklichkeit. Sponsoren stellen Geld und Mauern zur Verfügung, und „Street Art Brazil“ stellt dafür die Gentrification auf den Kopf. Für den ästhetischen Moment dreht sich Bankfurt mit in der Auf- und Abwärtsspirale der Arrival Cities, in denen, seit Doug Saunders 2011 das Buch dazu publiziert hat, die Zukunft der Globalität entschieden wird. Abgrund in Mainhattan, es schaudert einen richtiggehend, wenn man hinabblickt. Street Art ist Kunst, gut abgehangene, konventionelle, autorisierte Kunst. Ordnung muss sein, und was ist das Ausrauben einer Bank gegen die Gestaltung ihrer Fassade. Warsteiner lässt seine Bierflaschen jetzt übrigens von Street Artisten verschönern. Kein Müllproblem mehr auf den Plätzen, keine Scherben und liegengebliebene Reste vom Besäufnis. Das Leergut wird heimgetragen, und die Sammlung, der es zugeführt wird, ist die häusliche Kollektion. Street Art ist nämlich jetzt Kunst. www.schirn.de

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