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Idiot

Vor einigen Wochen habe ich mich an dieser Stelle über Niels Werbers „Ameisengesellschaften“ verbreitet. Zur Erinnerung: Das Buch ist zunächst eine historische Untersuchung aus der Interferenz von Bio- und Soziologie, doch unweigerlich steuert es auf einen Begriff zu, der mir einer der wichtigsten in letzter Zeit scheint: Schwarmintelligenz. Werber brachte dessen Bedeutung in dem folgenden Satz, einem Zitat des Myrmekologen Kevin Kelly, auf den Punkt: „Das Verfahren eines Ameisenvolkes zur Auswahl eines neuen Bauplatzes für ein Nest“ sei „eine Wahlversammlung von Idioten für Idioten und mit Idioten, die aber gerade deshalb phantastisch funktioniere“. Hinzuweisen ist nun auf das neue Werk, besser: Werklein, von Botho Strauss, das den Titel „Lichter des Toren“ trägt und seinerseits auf die Verbindung von Schwarm und Idiotie zu sprechen kommt, allerdings, man ahnt es, in gänzlich verschiedener Ausdeutung. „Ein Schmetterling kann allein für sich sorgen“, schreibt Strauss zum einschlägigen Phänomen, „keine Biene gegen den Geist des Schwarms überleben. Nur für den Menschen gilt: Wenn sich der Geist des Schwarms als Ordnungsmacht etabliert, schlägt die Stunde der Insurgenten“. Insurgere heißt auf lateinisch sich erheben, und Strauss hat also die Selbstüberheber im Auge, die Wichtigmacher, die Herumtuer und -meiner, die ihre Intelligenz aus dem massenhaften Vorkommen beziehen: „Konformitäten, Korrektheiten und Konsensivitäten“, so alliteriert Strauss, das „juste milieu“, hergestellt von den „Bakterienschwärmen neuer Medien“. So weit, so vorhersehbar. Der Idiot indes gehört dieser Spezies gerade nicht an. Er ist des Autors Gegenmittel, die Remedur, die Instanz des Ohne-mich, und auch hier gibt es eine Herkunftsbezeichnung: „Privatperson, Gemeinschaftsstümper. Idios: beiseite, abseits befindlich; den einzelnen betreffend, dem einzelnen zugehörig. Idioteía: Privatleben, Torheit“. So auch der Untertitel des Opusculums: „Der Idiot und seine Zeit“. Von Dostojewskis Myschkin bis zu Macbeth („life is a tale told by an idiot“) zieht sich die Revue der Gewährsfiguren, und ganz am Ende steigt noch einer auf die Bühne: „Er ging nun friedlich und verwundert unter den Leuten umher. Für sie war er versiegt, das spürte er wohl selbst, die ganze Person war nur noch zum Übersehen da.“ Hier fühlt sich einer offensichtlich nicht mehr so recht gemeint, und so wie die Passage inszeniert ist, kann es nur der Autor selber sein. „Der Plurimi-Faktor“ ist noch so ein Begriff, den Strauss ins Feld führt, die Relevanz der Meisten, die „das Hohe zu Gunsten des Breiten abwerten“ oder „das Untere zur obersten Interessenssphäre machen“. An dieser Stelle dann auch eine Breitseite auf einen ganz speziellen Betrieb: „Inzwischen paktiert auch die Kunst liebedienerisch mit Quote und breitem Publikum“. „Der Plurimi-Faktor“ war auch ein Beitrag überschrieben, in dem Strauss einige Sentenzen seines Büchleins zu einer Blütenlese zusammengestellt hat, unverbunden und unverbindlich, aphoristisch, eine Sammlung an Merksätzen. Der Beitrag erschien Ende Juli im „Spiegel“. Natürlich ganz ohne Paktieren mit Quote und breitem Publikum: Beneidenswert ein Autor, der sich auf diese Art versiegen sieht. Wohlgemut darf er sich zu den Idioten zählen. Botho Strauss, Lichter des Toren. Der Idiot und seine Zeit, München: Diederichs 2013

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