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Selbstporträt

In den Siebzigern, als man noch eher Zigaretten bei sich trug als Musik, kamen Lieder meistens vom Himmel geflogen. Sie zogen durchs Radio wie Offenbarungen, und jeder, der sich ergriffen fühlte, stellte dann lauter. Meinem Vater, der in der Nachkriegszeit mit Rudi Schuricke und dem Hazy Osterwald Sextett sozialisiert wurde, ging das Herz über, wenn eine spezielle Aufnahme von Max Greger und seinem Orchester geboten wurde. Greger ist der mit der Erkennungsmelodie des Aktuellen Sportstudios, doch bei besagter Aufnahme ging es weniger jazzig zu, eher schmalzig, mit Geigen und akustischem Red Light. Das Stück hieß „Wigwam“, und wie ich später in Erfahrung bringen sollte, stammte es von Bob Dylan. Herr Zimmerman hatte es 1970 auf „Self Portrait“ veröffentlicht, und auch in seiner – unerhört als Instrumental dargebotenen – Version hörte es sich kaum anders an als bei Max Greger. „Self Portrait“ gilt als Dylans Opus Minimum, als ultimativer Sündenfall, die souveräne Unterbietung aller Standards. Nicht einmal selber zu komponieren hatte er sich groß die Mühe gemacht, von den 24 Beiträgen stammten nur sieben von ihm, die beiden neben „Wigwam“ einschlägigigsten,weil längst bekannten „Like A Rolling Stone“ und „Mighty Quinn“ noch dazu in Live-Einspielungen. Vor allem aber nervten die Accessoires und Kitschigkeiten, mit denen die Lieder unterlegt waren, all das Gedudel, das in Nashville, der Hochburg des musikalischen White Trash, wo das Album arrangiert wurde, überreichlich zur Verfügung stand. Berühmt geworden ist die Eingangzeile der Rezension, die ihm Greil Marcus im „Rolling Stone“ angedeihen ließ: „What is this shit?“ Marcus ist so etwas wie der Duchamp der Pop-Kritik, er ist gnadenlos überschätzt mit seinem erkenntnistheoretisch aufgedonnerten, unermüdlich Situationismus auf Counterculture auf Antibourgeoisie häufenden Berufshysterikertum. Ebenso unterschätzt ist Robert Christgau (man lese dazu Thomas Hecken, Pop. Geschichte eines Konzepts 1955 – 2009, Bielefeld: transcript 2009 - worauf hinzuwiesen hier jetzt endlich Gelegenheit ist). Christgau hat es eher mit der hedonistischen, dem 68er Spießertum ein wenig in die Parade fahrenden Lesart, und er schrieb zum Erscheinen von „Self Portrait“ unter anderem folgendes: „People's music is what people like, Mantovani strings and all.“ Dylan klang wie Mantovani, Geigen und Gezirpe en gros: Warum nicht? Wie es aussieht, hatte Dylan genau das auch im Sinn. Der typische, unausrottbare Hippie-Widersinn, für ein Leben in Selbstbestimmung einen Guru, Leader, Meister zu brauchen, ging ihm gegen den Strich. „Ich sagte ihnen“, gibt er Anthony Scaduto für seine Biografie zu Protokoll, die 1971, also bald darauf, erschien, „sie sollten keinen Anführern folgen sondern auf die Parkuhren achten... Die Leute sollten von mir keine Antworten erwarten.“ Dylan, mit einem Wort, entzog sich der Militarisierung durch den Wohlklang. Jetzt immerhin darf sich Dylans Wechselbalg posthum neu hervorbringen. Diese Woche erscheint die Platte mit gehörigem PR-Aufwand als „Another Self Portrait“, ohne Nashville-Zutaten, sozusagen Unplugged. Und was ist sie damit? Rohfassung? Bereinigte Version? Neuinterpretation? Bootleg? Jedenfalls ein Anlass zum Jubeln: Sie ist räudig, roh und widerständig. Na also. Das 68er Spießertum hat wieder einmal recht behalten.

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