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Der Sinn des Lebens

Kollektivsingulare sind etwas Unerbittliches. Sie sind auf den Plan getreten, als es vorbei war mit Gott, und haben die Leerstellen besetzt, die das große Ganze hinterließ, als es sich verabschiedete. Kollektivsingulare erteilen keine Absolution, und entsprechend ist man für die Nation gestorben, für die Revolution in die Knie gegangen, hat sich für die Rasse kasteit und ist in die Bewegung eingetreten. Auch die Kunst fordert bekanntlich Gefolgschaft. Da tut es gut, wenn nun einer sagt, dass es nicht so weit her ist mit dem Singular. Markus Gabriel heißt der neue Stern am Philosophenhimmel, er ist der jüngste Professor Deutschlands auf dem Gebiet, und sein im Frühjahr erschienenes Buch, das erklärt, „warum es die Welt nicht gibt“, ist bereits in der fünften Auflage. Die Welt mit bestimmtem Artikel in der Einzahl ist, sagt Gabriel, eine Chimäre, Dafür aber, und das Buch ist ein Plädoyer auf das Polyglotte, gibt es viele Welten, alles schön im Plural, Kosmen, Areale, Sphären, oder, wie Gabriel es nennt, Sinnfelder, die nebeneinander stehen, sich überschneiden und nur darauf warten, sich füllen zu lassen mit den jeweiligen Beflissenheiten, die er Gegenstände nennt. Gleich eingangs bringt Gabriel das Beispiel des Vesuvs. Den gibt es in seiner Darstellung nicht nur ein-, sondern mindestens viermal: Wie er dasteht am Mittelmeer; wie ihn jemand sieht von Sorrent aus; wie ihn der Autor sieht von Neapel aus; und wie ihn der Leser sieht, auch von Neapel aus. Man könnte natürlich statt des Vesuvs auch den Schrebergarten oder noch besser den Prenzlauer Berg nehmen. Im Parzellieren des Kleinen für eine Perspektive auf das Unendliche ist das Buch jedenfalls ganz groß. Gabriel nennt sein Denken, ohne Label geht es nicht, „Neuer Realismus“. Alles ist irgendwie da, und als solches beansprucht es auch, miteinbezogen zu werden in die Konzeption. Es gibt eben nicht nur die Autobahn und den PKW und jemanden, der fährt, sondern auch die Lea und den Sebastian, die mitfahren, und das erkennt man an den Aufklebern, die an der Heckscheibe prangen. Daraus eine Philosophie gemacht zu haben, verdient schon Anerkennung. Im Schlussabschnitt stellt Gabriel die ultimative Frage, und seine Antwort geht so: „Die Antwort auf die Frage nach dem Sinn des Lebens liegt im Sinn selbst. Dass es unendlich viel Sinn gibt, den wir erkennen oder verändern können, ist schon der Sinn selbst.“ Terry Eagleton, mein Lieblingsdenker, hat 2007 ein Buch vorgestellt, in dem das gleiche verhandelt wird. Seine, ebenfalls selbstbezügliche, Antwort, nimmt sich den anderen Teil der Formulierung vor: „In diesem Sinne ist der Sinn des Lebens das Leben selbst“. Das ist nun auch nicht unbedingt brillant, aber Eagleton liefert die Schublade mit, aus der er dieses Diktum zieht: Diese Lösung, sagt er, ist „ethisch“. Die von Gabriel ist ästehtisch, aber das sagt er niemals in seinem Buch. Seine Lösung ist selbstbezüglich, und sie rankt sich um das, was man tut, wenn man etwas nicht versteht: Man sucht einen Sinn. Und weil der nicht von Außerhalb kommt, rotiert man um sich selbst und findet schließlich Gefallen am Karussell. Dagegen ist nichts einzuwenden, unsereiner betreibt das täglich. Sinnsuchen und vor allem dann auch noch Sinnfinden kann aber auch Routine werden. Gabriel versteht übrigens nichts von Kunst, es gibt ein Kapitel dazu, und da verstrickt er sich auf Volkshochschulniveau in Vermeer und Malewitsch. Und weil er nichts von Kunst versteht, übersieht er auch die zentrale Aufgabe, der die Großen des Metiers, Manet, Duchamp, Donald Judd, sich verschrieben haben: die Verweigerung von Sinn. Aus seinen kleinen Welten hat Gabriel das Sinndefizit von vornherein ausgeschlossen. Übrig bleibt ein Baedeker ins Milieu der städtischen Nachbarschaften. Markus Gabriel, Warum es die Welt nicht gibt, Berlin: Ullstein 2013

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