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Jagger

Am 20. August 1965 bringen die Rolling Stones das Lied heraus, das ihr Slogan wird: „Satisfaction“. Die Stones steigen ein mit ihrem Markenzeichen, dem Riff, von Keith Richards erdacht, der Folge von Gitarrenakkorden, in der sich die Vorliebe des Zeitalters für Signets, Logos und knallige Wiedererkennbarkeit verdichtet. Dann kommt der Sänger, er heißt Mick Jagger, und auch er liefert sein Lieblingsvokabular; er beginnt mit dem Wort „Ich“ und handelt in typischer Doppelsinnigkeit davon, dass ihm die Zufriedenheit, die mit Befriedigung einhergeht, versagt ist. Am 5. November halten die Who mit „My Generation“ dagegen. Sie beginnen ebenfalls mit einigen Gitarrenakkorden, der Sänger Roger Daltrey ist allerdings schneller bei der Sache und und bietet auch gleich das Gegenstück an zur ersten Person Singularder Stones: „People try to put us down“ setzt er ein, es sind die Leute, und es ist der Plural eines Wir-Gefühls, das von ihnen bedroht wird. Die Who inszenieren folgerichtig ein Wechselspiel, auf jede Zeile des Lamentos von Daltrey antwortet der Gruppengesang, genauso wie im Instrumentalteil Gitarre und Bass in den Dialog treten. Damit werden in Vokalstruktur und Instrumentation die Alternativen, die der Jugend Mitte der Sechziger gegeben sind, auf den Punkt gebracht: Man kann es narzisstisch treiben wie die Stones, mit dem Ich des Sängers und der Sloganhaftigkeit der Gitarre, oder man kann sich an die anderen halten und eine Art von kollektiver Identität suchen. Die Auflehnung ist allen gemeinsam, einmal aber rebelliert der einzelne gegen die Allgemeinheit, das andere Mal rebelliert eine Generation gegen die vorherige. Selbstverständlich musste das große Ego dabei von Mick Jagger kommen. Quelle: www.mickjagger.com Die Stones gelten als die großen Konkurrenten der Beatles, und einer der beiden Bands den Vorzug zu geben, ist immer noch eine Glaubensfrage. Die Alternative ist jedoch in ziemlicher Schräglage. Womöglich geben die Stones die exemplarische Gruppe der Sechziger ab. Die Beatles aber sind das Paradigma der Zeit, Personifikationen des Pop insgesamt und nicht nur seiner Musik, das Nonplusultra dessen, wie sich Jugendkultur mit der Gesellschaft, die sie auszuhalten hatte, ins Benehmen setzt. Kulturgeschichtlich halten sich die Beatles auf einem anderen Planeten auf, doch tut das bei den Stones nichts zur Sache. 1963 waren sie zusammengekommen, hatten mit „It’s All Over Now“, im Juni 1964 erschienen, ihre erste Nummer eins, und pflegten das Image von Rowdytum und Renitenz, das ihnen Andrew Loog Oldham, ihr Manager, auf den Leib diktierte. Wie jedes Image war auch dieses fern von aller Authentizität. Speziell bei Jagger, der sich an der renommierten London School of Economics auf eine bürgerliche Karriere vorbereitete, der immer schon eine besondere Affinität zu allem Adeligen pflegte und in Gelddingen sehr bewandert blieb, kam ein solches Image aus der Retorte. Was indes auf das Plausibelste ins Milieu passte, das die Stones bald beherrschten, waren ihre Macho-Allüren, die sich nahtlos verlängerten in die von Jagger besorgten Texte ihrer Songs hinein. „Play With Fire“, „Under My Thumb“ oder „Stupid Girl“ leben ganz von der Vorstellung der eigenen Unwiderstehlichkeit, und die Mädchen erzählen bestenfalls die „Story how you adore me“, wie Jagger in „Have You Seen Your Mother, Baby, Standing in the Shadow?“ von September 1966 dichtet. Solche Selbstinvestituren in einen Status des Anbetungshaften sind auf ihre Art provokativ. Und genauso beleuchten sie eine Szene, in der ohnedies die Überheblichkeit den Ton angibt. Allemal ist es „The Singer Not The Song“, wie es ein Lied auf „December’s Children“ von Ende 1965 zu verstehen gibt: „Ich weiß, ich habe recht, denn es ist der Sänger, nicht das Lied“. Wer dürfte da widersprechen, und das anscheinend bis heute? Nun ist die Paradefigur aller, die auf Sex im Alter, Drugs gegen die Demenz und Rock 'n' Rollator stehen, vergangenen Freitag siebzig geworden. Die Pop-Mannschaft der Süddeutschen Zeitung musste deswegen den Schwanz einziehen, weil der Herr Chefredakteur eine Laudatio singen wollte auf sich und eines seiner offenbaren Idole. Die Frankfurter Allgemeine dagegen ließ Dietmar Dath ran, seit zwei Jahrzehnten der Kolumnist schlechthin für Cyber-Sex in der Solo-Variante, und der schrieb unter anderem folgendes zum einschlägigen Liedgut: „Man muss schon sehr oberflächlich hinhören, sehr ungenau hinsehen wollen, um diese entsetzliche Plattheit zu glauben“. Start-Ziel-Sieg für die F.A.Z. Barry Miles übrigens, der unermüdliche Chronist der Szene, ist in seinem Buch „London Calling. A Countercultural History of London since 1945“ mit allen, die er auftreten lässt, per Vornamen. Nur nicht mit Jagger. Mit dem ist er per Jagger.

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