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Die Damen

Im Jahr 1991 veröffentlichte Suhrkamp Luce Irigarays „Ethik der sexuellen Differenz“. Das Buch galt als die Programmschrift eines orthodoxen Feminismus, im Mittelpunkt stand ein Geschlecht, das genuin war, das sich dem Diskursiven versagte, das sich biologisch erklärte, das unumgänglich war und auf das Allernatürlichste bezogen. Madame Irigaray brachte das auf den Begriff des „Muqueux“; das heißt auf deutsch „schleimig“, was die Übersetzerin zu der klugen Idee verleitete, das Lehnwort „das Muköse“ zu erfinden. Noch in eben dem Jahr 1991 hatte Suhrkamp auch die Reihe der „gender studies“ ins Leben gerufen, inauguriert von Judith Butlers Meta-Erzählung vom „Unbehagen der Geschlechter“. Längst hatte auch der Feminismus eine konstruktivistische Wende genommen, statt Sex gab es Gender und statt dem Essentialismus des Weiblichen dessen, wie Butler es nennen wird, „antifundamentalistische Kritik“. Selbstverständlich war Luce Irigaray eine Vorkämpferin für die Sache. Aber ganz zeitgemäß war sie augenscheinlich auch nicht mehr. In eben diese Jahre, als die Strategien des Geschlechterkampfs sich wandelten, fällt das Auftreten eines illustren Quartetts, das sich ganz dem hohlen Augenschein ergeben „Die Damen“ nannte. Es war eine Mädchenband mit Hang zu guten Manieren und hoher Couture, und mittlerweile durfte man das in Genus, Casus und Numerus auch so nennen. Statt der rebellischen Unerbittlichkeit etwa der „Guerilla Girls“ gab es nun den Schmusekurs der Subversion. Rosemarie Trockel hat darauf eine Weltkarriere gebaut: Wenn Künstlerinnen stricken sollten oder eigentlich an den Herd gehörten, dann wurden die Ausstattungsstücke unverzüglich geliefert. Von Christian Skrein, dem Chronisten des Wiener Milieus der Bohemiens und Berufsschwerenöter, stammt eine Aufnahme aus dem Jahr 1968, die eine Runde soignierter Gentlemen plus einer Lady festhält. Die Herren Dominik Steiger, Kurt Kalb, Walter Pichler, Attersee, Ernst Graf und Oswald Wiener sind von links nach rechts auszumachen, es folgt eine gewisse „Ingrid“ ganz außen. Die Männer sind mit Nach-, die Frau dagegen ist mit Vornamen auf dem Lichtbild bezeichnet, so dass diese Fotografie einschlägig geworden ist für die Macho-Allüren der damaligen Cliquen (es war allerdings der Wunsch Ingrid Schuppan-Wieners selbst, die in der damaligen Hysterie allem Bürgerlichen gegenüber vermeiden wollte, dass man an ihrem Nachnamen ihren Ehestand erkennt). Wir nicht - Steiger, Kalb, Pichler, Attersee, Graf, Wiener, Ingrid, Christian Skrein, 1968, © VBK, Wien 2013 Skreins Foto bringt die Damen 1988 auf die Inkunabel ihres Werks: Als „die vier neuen Mitglieder des Ersten Wiener Männergesangsvereins“ fügen sie sich in die forsche Pose wie seinerzeit die 68er. Jedenfalls ist jetzt Gleichstand hergestellt, und dabei wird es in Witz, Satire, Ironie und tieferer Bedeutung auch bleiben. Mein Lieblingsstück der vier – es sind die Wiener Künstlerinnen Ona B., Evelyne Egerer, die viel zu früh verstorbene Birgit Jürgenssen sowie Ingeborg Strobl – entstand für die Austria-Tabakwerke als Kalender für das Jahr 1991. Zwölf Allegorien der Monate stellen sie auf die Bühne und lassen sich im jeweils perfekten Ambiente fotografieren als Gangster und als Schlampen, als Business-Ladies und als Hausfrauen, als Spätpubertierende und immer wieder – das ist der Clou – als alles zusammen: Was der männliche, rauchende, die Welt in der Fasson haltende Blick eben erwartet. Die Damen, "Die vier neuen Mitglieder des Ersten Wiener Männergesangvereins", 1988, Postkarte 15x10,8 cm, Foto: Leo Kandl, © VBK, Wien 2013 1992 ist Ingeborg Strobl ausgestiegen, für sie kam Lawrence Weiner dazu und mit ihm zum Sex noch mehr Gender. Sein bleibendes Vermächtnis für die Truppe ist die Sentenz „To Bitch Is To Be“. Seit 1995 ist die Combo Geschichte. In Sankt Pölten ist ihr jetzt, begleitet von einem Erinnerungsbuch, die wohlverdiente Retrospektive eingerichtet. Diese Damen haben die Männerwelt ein wenig besser gemacht. -- Die Damen 22.06.2013 bis 03.11.2013 Landesgalerie für zeitgenössische Kunst 3100 St.Pölten, Kulturbezirk 5 www.zeitkunstnoe.at Der Katalog zur Ausstellung ist erschienen im Verlag für Moderne Kunst

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