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Ellenrieder

Die Nazarener, heißt es im Vorwort des Katalogs zur momentanen Ausstellung mit Werken von Marie Ellenrieder, erfahren gerade „eine deutliche Aufwertung“. Natürlich wollen die beiden Herausgeber Tobias Engelsing und Barbara Stark ihrer Konstanzer Lokalmatadorin alles Gute mit auf den Weg geben, und so bedenken sie auch die Künstlergruppe, der Marie Ellenrieder zugeschlagen wird, mit viel Wohlwollen. Die Nazarener, so führen die beiden im Verlauf des Vorworts aus, hätten ein „Comeback“, ja, gegen Ende des Prologs gibt es gar einen „Boom der Nazarener“. Womöglich hat die postmoderne Perspektive tatsächlich gegriffen. Als man Ende der 70er Jahre im Frankfurter Städel die Rehabilitierung der Fanatiker im Glauben an die Kunst probierte, unter dem Gesichtspunkt der damals aktuellen Debatte um die Rückkehr der Bilder, trat die Renaissance noch auf der Stelle. 25 Jahre danach gab es „Religion Macht Kunst“ in der Frankfurter Schirn, und da war die Prämisse eindeutig polemisch: Natürlich sind die Nazarener von einer Dogmatik und programmatischen Starre, dass ihre Arbeiten visuell jedenfalls schwer erträglich sind; aber wer ihnen Blutleere und schiere Langweiligkeit vorwirft, darf das gern auch bei Malewitsch oder Mondrian tun. Offenbar fanden das manche plausibel. Nicht, dass die Ellenrieder-Ausstellung, die noch bis 25. August in der Konstanzer Wessenberg-Galerie zu sehen ist, irgendetwas an dem vorherrschenden Eindruck modifizieren würde. Marie Ellenrieder, geboren 1791, gestorben vor 150 Jahren 1863, lebte vollkommen der Verpflichtung auf Wahrheit und Reinheit, die sie künstlerisch in glatten, geschmäcklerischen und auf Innigkeit getrimmten Bildern und biografisch in Ehelosigkeit und keuscher Wohngemeinschaft mit der Schwester durchstand. Die ganze Berufung galt der Authentizität, und wenn das große Vorbild Raffael Grazie und Schönlinigkeit aufs Gemälde brachte, dann musst er auch so gedacht und gewirkt haben. Dass der Meister an der Syphilis starb, lag außerhalb des nazarenischen Tunnelblicks auf das richtige Leben in der richtigen Welt einer zeitlosen christlichen Existenz. Marie Ellenrieder, Maria schreibt das Magnificat, 1833 Das wäre alles nicht groß der Rede wert, hätte Marie Ellenrieder nicht ihre spezielle Karriere hinter sich gebracht. Zum einen in der Ausbildung: Sie war die allererste Studentin an der Münchner Kunstakademie, deren Besuch selbstverständlich bis ins Jahr 1920 und grob begründet deshalb, weil die Aktmalerei einer Mischung der Geschlechter im Weg stand, Alleinstellungsmerkmal der Männer war; Marie Ellenrieder durchbrach die Konvention, und dass sie keine Nackten studieren durfte, hat ihr Künstlertum nur bestätigt. Zum Zweiten im Aufstieg zur Hofmalerin der badischen Großherzöge, die sie mit Altarbildern und Porträts ausstattete, als sei das Ancien Régime das wenigste, was es zu meistern gelte. Drittens, und das ist typisch für die verschrobene Modernität der Nazarener, in gewissen Werken von einer gehörigen Avanciertheit. Man mag die seltsame Maskulinität einer ansonsten für alle Wohlgeformtheit und Makellosigkeit zuständigen Gottesmutter auf dem 1824er „Maria mit dem Jesusknaben an der Hand“ noch einer Wahrnehmung zuschreiben, die uns Heutige beflissen aufs Gendermäßige und unterschwellig Homoerotische disponiert. Das 1833 entstandene „Maria schreibt das Magnificat“ (leider nicht Teil der Ausstellung) indes ist unzweifelhaft innovativ: Hier verfasst sich die Heilige nämlich ihr Gebet selber; was hier entstanden ist, stellt ein Autorenbild dar, es stellt ein Autorinnenbild dar. Die Identifikation der Malerin mit dem Urbild aller Weiblichkeit ist deutlich; was sie hervorbringt, ist ein Stück Emanzipation.

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