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Salon der Angst: Salon der Beliebigkeit

Nun ja, man kennt das mittlerweile in Wien. Sobald eine Ausstellungsinstitution einen neuen Direktor hat, muss erst einmal geschlossen und umgebaut werden, freilich muss auch im corporate design ein Zeichen gesetzt werden. Dem gemäß handelt es sich bei der Wiener Kunsthalle nun um einen Adlerhorst. Zumindest kann jeder Adler nun die Kunsthalle repräsentieren, meint der neue Direktor Nicolaus Schafhausen. Es bleibt zu hoffen, dass er sich mit dem Wappentier nicht allzu sehr identifiziert. Ob er sich mit dem Thema der gemeinsam mit Cathérine Hug kuratierten Ausstellung „Salon der Angst“ identifizieren konnte, sei dahingestellt. Es ist durchaus verständlich und ebenso sympathisch, wenn ein Kurator bei derlei Themen zu Protokoll gibt, sich dem Metier unpersönlich zu nähern, denn, wer will schon etwas von den privaten Ängsten von Ausstellungsmachern wissen? Auch Freud, so ließ der neue Direktor wissen, sei nicht so das vornehmliche Kalkül. Doch leider wird auf den kleinen zweckdienlichen Hinweis eines kuratorischen Konzeptes, beispielsweise einer These, ebenso verzichtet, wie auf einen Katalog. Er hätte womöglich jene erklärende Schneise schlagen können, durch die Fülle der 45 Positionen. Ein gedrucktes, theoretisches Kompendium soll dem Vernehmen nach später folgen. So klammert man sich in der Ausstellung etwas ratlos an ein Booklet, das einem auch nicht wirklich weiterhilft bei der Frage, was die teilweise fraglos überaus gelungenen Arbeiten eigentlich mit dem Thema zu tun haben sollen. Rainer Ganahl beispielsweise lässt in seinem Video „El Mundo“ ein klassisches Konzert in den Räumen eines kurz vor der Schließung stehenden Discounters in New York aufführen. Die Verkaufsräume dienten früher einmal als Theater. Vom kubanischen Künstlerkollektiv Los Carpinteros gibt es das beeindruckende Video mit dem Titel „Pellejo“ (Haut) in dem ein Liebespaar während eines überaus leidenschaftlichen Aktes in ergreifender Rasanz altert. Und wenn man Glück hat, kommt man zur „Übertragung“ von Harun Farocki während einer Passage des Videos, in der es um die „Bocca della verità“ in Rom geht, jenem maskenhaften Relief in Rom, in dessen Mundöffnung kein Lügner die Hand stecken sollte. Im weiteren Verlauf des Videos begreift man jedoch, auch hier geht es weniger um die Angst, den Schauder, seine Hand in dunkle Vertiefungen zu legen, denn um Rituale der Berührung von Oberflächen an meist religiösen Orten. Man hat es verstanden, die Ausstellung zielt nicht darauf ab, mittels einzelner Arbeiten dieses diffuse Gefühl von Angst in den Besuchern zu evozieren, wie das vergleichsweise Mike Kelley 2004 als Kurator eines wahren Kabinetts des Grauens zum „Unheimlichen“(1) vermochte. Vielmehr versteht sie sich in der Thematisierung von Angst auf einer quasi Metaebene. Dies funktioniert am Besten unter Zuhilfenahme der Massenmedien, heute womöglich die geeignetsten Distributoren zum Heraufbeschwören von Ängsten aller Art. Marco Lulić, der Aufnahmen von urbanen Situationen in Wien mit Schlagzeilen aus der Boulevardpresse zu Orten der Angst macht oder Kader Attia mit seiner Installation von raumhohen Regalen in denen sich historische Zeitungen und Magazine stapeln, denen allen ein Cover gemeinsam ist, das Schüren von Angst vor den Ethnien ferner Länder oder auch Thomas Hirschhorns etwas brachiale collagierte Gegenüberstellung von Hochglanzschönheiten mit Schauplätzen von Gewalt mit übel zugerichteten Menschenleibern. Doch bleiben solch Arbeiten die Ausnahme. Bisweilen hat man ja bei derlei Themenausstellungen das schlichte Gefühl Zeuge eines verfehlten Themas zu sein, diesmal hingegen fragt man sich tatsächlich, ob das Ziel überhaupt angepeilt wurde. -- (1) Mike Kelley Das Unheimliche 17.07. - 01.11.2004 mumok, Wien (siehe die artmagazine Kritik)
Salon der Angst
06.09.2013 - 12.01.2014

Kunsthalle Wien Museumsquartier
1070 Wien, Museumsplatz 1
Tel: +43 1 521 89-0
Email: office@kunsthallewien.at
http://www.kunsthallewien.at
Öffnungszeiten: Di-So 10-19, Do 11-21 h


Ihre Meinung

1 Posting in diesem Forum
Thema verfehlt
Rudolf Schramm | 01.11.2013 12:02 | antworten
O, wie Sie mir aus dem Herzen sprechen!! Bei vielen dieser Themen-Ausstellungen hat man das Gefühl, es wirde aufgehängt und ausgestellt, was sich gerade in der Ecke eines bislang vergessenen Kämmerchens wiedergefunden hat. Damit ist gar nicht die Qualität der einzelnen Arbeiten in Frage gestellt, sondern deren Beliebigkeit in Bezug auf das bewusst (??) weitläufig gewählte Thema gemeint.

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